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Heute ist alles lockerer und weniger aufwändig


Das Familienfoto im Wandel der Zeit

Manchmal verstauben sie in grauen Kartons im Keller, manchmal liegen sie im Kleiderschrank ganz hinten auf der Hutablage – und manchmal werden sie zu besonderen Anlässen hervorgekramt und bestaunt: Familienbilder. In den uralten Zeiten der analogen Fotografie hieß dies „Blättern in dicken Fotoalben“. Das zumindest hat sich heute geändert. Familienbilder tummeln sich heute meist auf USB-Sticks oder sind in den Untiefen des PCs verschwunden.

family taking selfies with smartphone in park

Heutzutage der totale Renner sind sogenannte Selfies, eine Art Selbstporträt. Da viele Handys es ermöglichen, die integrierte Kamera zu drehen und man so alles im Blick hat, lässt sich schnell und einfach ein (Familien-)Foto schießen.
Bild: Fotolia/ Joshua Resnick

Das vermutlich erste Foto der Welt war weder ein Familienbild, noch eine Porträtaufnahme. Im Frühherbst 1826 hatte es Joseph Nicéphore Nièpce im Heliografie-Verfahren aufgenommen, als Motiv diente ein Blick aus seinem Arbeitszimmer. Es dürften dann wohl nicht viele Jahre vergangen sein, bevor auch das erste Familienfoto entstanden ist.

Fast immer sind Familienfotos auch Ausdruck ihrer Zeit. Die Mode, die Umgebung, das Posieren – all dies trägt den Stempel der Geschichte. In den Anfängen der Fotografie dauerte die Belichtungszeit für eine Daguerreotypie (Nachfolgetechnik der Heliografie) um die 15 Minuten. Später wurde sie auf rund 45 Sekunden reduziert. Immer noch lange, um alle zappelnden Enkelkinder für das Familienfoto ruhig zu halten. Vielleicht wirken auch deshalb viele Gesichter und Körper auf alten Fotos wie erstarrt – oder eben wie ein Gemälde.

Den Anlass, sich zu einem Familienbild aufzustellen, bildeten oft Geburtstage, große Feiertage oder Jubiläen. Im 19. Jahrhundert war es üblich, dass sich die Patriarchin oder der Familienchef in den Mittelpunkt der Gruppe stellte. Je nach familiärer Rangordnung fächerten sich die anderen Personen dann für den Fotografen auf, die Kinder waren meist sitzend oder knieend im Vordergrund platziert.

Klar natürlich, dass für diese Aufnahmen immer nur „Staatsgarderobe“ angezogen wurde. So plagten sich die Herren mit dem Sonntagsanzug und dem Vatermörder herum, die Damen posierten in steifen, bodenlangen Festtagskleidern und die Kinder kamen um den unvermeidlichen Matrosenanzug nicht herum.

Das hat sich mit den Jahren geändert. „Familienaufnahmen sind nach wie vor gefragt, allerdings nicht mehr zu besonderen Terminen, wie Weihnachten, Muttertag oder ähnliches“, weiß Fotograf Heinz-Werner Lamberz aus Unkel. Auch bei den Hintergrundmotiven habe sich einiges getan. „Früher wurde Interieur wie Kommoden, Hintergrundvorhänge, Stelen verwendet. Heute wird zumeist entweder ein Unihintergrund oder gleich eine Aufnahme in der Natur gewählt“, so der Fotoprofi. Da viele Familien heute nicht mehr alle Mitglieder an einem Ort versammelt haben, sind Familienbilder auch nicht mehr ganz so einfach zu organisieren.

Heinz-Werner Lamberz kennt das Klientel, das heute Familienbilder machen lässt. „Meist sind es junge Familien die den ersten Nachwuchs haben. Hier sind es die Eltern oder Großeltern, die häufig nach einen solchen Bild der jungen Familie fragen.“ Auch das Posieren ist nicht mehr ganz so stressig wie früher. „Das mit dem still halten ist nicht mehr so aktuell, Kinder können sich innerhalb des Bildes so geben wie sie sind, lachen oder auch eine Grimasse schneiden“, hält Lamberz fest.

Natürlich werden auch viele Familienfotos heute selbst geschossen. Dabei sollte man an der Kamera die kürzeste Brennweite einstellen. Denn je kürzer die Brennweite ist, desto weiter reicht der Bildausschnitt. Auch lohnt es sich, zwischen 20 und 30 Bilder schießen. So hat man am Ende eine Auswahl, falls einige Köpfe mit grimmigen Gesichtern oder geschlossenen Augen via Bildbearbeitung ausgetauscht werden sollen. Auch das ist heute kein Hexenwerk mehr.

Fast schon Kultstatus erreicht hat heute das „Selfie“. Quasi aus dem Handgelenk heraus werden heute Familienfotos geschossen, die nichts kosten (sieht man mal von Papierabzügen ab). Dafür haben diese Selfies einen anderen Charakter als klassische Familienfotos. Jetzt zählt mehr der Augenblick, das Spontane, früher war es mehr die Inszenierung. Geblieben ist nur die eine Frage – was tun mit den ganzen Familienfotos?

 

 

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