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Tatort rheinischer Westerwald: Linz


Die Reise endet hinter schwedischen Gardinen

Beherrschte in diesem Sommer Ende Juli der Angriff auf die Pressefreiheit in Deutschland die Schlagzeilen der Medien, erinnerten sich die älteren Linzer, dass sie vor über 50 Jahren schon mal ähnliches hautnah in ihrer Stadt erlebten, denn das ehemalige Linzer Gefängnis geriet 1962 bundesweit in die Schlagzeilen.

Von Hermann-Joseph Löhr

Die „Spiegel-Affäre“ erschütterte 1962 die junge deutsche Demokratie in ihren Grundfesten. Der Redakteur und spätere Sprecher der Bundesregierung Conny Ahlers wurde mit seiner Frau Hedwig am Flughafen Frankfurt von der Polizei in Gewahrsam genommen und ins Linzer Gefängnis überstellt. Mit der heimlichen Inhaftierung in der kleinen Stadt sollte ein großer Medienrummel vermieden werden.

Am 10. Oktober 1962 hatte Ahlers unter dem Titel „Bedingt abwehrbereit“ seine Geschichte über den Zustand und die Atompläne der Bundeswehr im Magazin „Der Spiegel“ veröffentlicht. Darin ging er scharf mit dem Bonner Verteidigungskonzept ins Gericht. Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein wurde daraufhin in Hamburg wegen Landesverrats verhaftet.

Altes Amtsgericht und Gefängnis Linz

Das alte Amtsgericht und Linzer Gefängnis heute
Bild: H. W. Lamberz

Ahlers dagegen befand sich gerade im Urlaub in Spanien. Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß befahl daraufhin unter Einschaltung des deutschen Militärattachés in der Madrider Botschaft die Verhaftung von Ahlers und seine Überstellung in die BRD. Darüber brach in Deutschland helle Empörung aus, da in Spanien seinerzeit der Diktator Franco herrschte.

Später stellte sich heraus, dass die Spiegel-Redakteure ihren Text sogar dem Hamburger Innensenator und späteren Bundeskanzler Helmut Schmidt vor der Veröffentlichung zum Lesen überlassen hatten. „Ich habe es überflogen“, wird Schmidt im Jahr 2012 vom Spiegel zitiert. Er habe den Rat gegeben, einige Dinge nochmals zu überprüfen, die womöglich den „Geheimbereich“ berühren könnten. Die Redaktion nahm den Einwand ernst und fragte beim Bundesnachrichtendienst nach, woraufhin die Behörde jedoch grünes Licht gab. Erst danach erschien auch der Artikel.

Ahlers wurde so zum wohl prominentesten Insassen des Linzer Gefängnisses, das bis 1970 existierte. In den Zellen wurden danach Akten des Grundbuchamtes des Linzer Amtsgerichts archiviert. Das Gerichtsgebäude am Kirchplatz ist noch erhalten und mittlerweile zum Wohnhaus umgebaut, das aber weiterhin den Strukturen des Gefängnisneubaus von 1905 folgt. Die Linzerin Magdalene Bonefass, deren Vater 1938 die Stelle der Gefängnisleitung übernahm, wohnte mit ihren Eltern in der Dienstwohnung des Gefängnisgebäudes. Sie berichtet, dass das Gefängnis über zehn Männerzellen, eine Gemeinschaftszelle für vier Personen und drei Zellen für weibliche Gefangene verfügte. Eine Badezelle für alle musste damals den sanitären Anforderungen genügen.

Damit war dann aber Schluss, als 1962 Ahlers und seine Frau in Linz eingebuchtet wurden. Die ehemaligen Mitarbeiter des Linzer Amtsgerichts Josef Hüngsberg (St. Katharinen) und Amtsgerichtsrat Heinz Fürste (Ockenfels) berichteten bereits in einem früheren Interview, dass mit der Unterbringung des prominenten Gastes auch eine Erneuerung der Sanitäranlagen erfolgte. Und Magdalene Bonefass erinnert sich sogar noch genau, dass das Ehepaar Ahlers sich das Essen immer von einem Hotel kommen ließ.

Linz und Asbach hatten in diesen Jahren als Gerichtsstandorte schon eine lange Tradition: Mit der Verleihung der Stadtrechte um 1320 an Linz gab der Kölner Kurfürst als Landesherr den Linzern auch die Marktfreiheit. Sodann wurde von Linz aus ein Gerichtsbezirk verwaltet, der bis nach Buchholz im ehemaligen Amt Altenwied sowie nach Roßbach/Wied im Amt Neuerburg reichte und das gesamte Amt Linz von St. Katharinen bis zum Leubsdorfer Ortsteil Rothe Kreuz umfasste.

Bis zum Wiener Kongress 1815 besaß Linz für seine Bürger ein eigenes Stadtgericht, danach richtete die neue preußische Regierung ein Justizamt ein, das bis 1848 in Linz verblieb. Dann gab es in Asbach eine Gerichtskommission mit zwei Kreisrichtern. Einer davon war zugleich Leiter des Berggerichts, wurden doch im Asbacher Land und im Wiedtal noch zahlreiche Basaltsteinbrüche, Gruben und Erzbergwerke betrieben. Das Asbacher Gerichtsgebäude wurde 1861 neu errichtet und 1886 um ein Gebäude mit zwei Dienstwohnungen erweitert.

1879 kam es zur Neuordnung des Gerichtswesens, und Linz wurde Standort eines Königlich-Preußischen Amtsgerichtes. Seit nunmehr 136 Jahren hat also Justitia einen Dienstsitz in der Bunten Stadt. Das „Königliche Amtsgericht Linz“ nahm 1879 seinen Dienstbetrieb in einem Haus am Kirchplatz auf. Das Dienstgebäude war nämlich ein ehemaliges Minoritenkloster, das 1860 unter dem umtriebigen Pater Totnan Seehuber unterhalb der historischen katholischen Martinskirche errichtet worden war. Kaum hatte das Gericht seine Tätigkeit aufgenommen, gab es auch schon Ärger mit der Linzer Stadtspitze. Die soll sich, so ein Aktenvermerk des Neuwieder Landgerichtspräsidenten von 1879, verpflichtet haben, zum Kaufpreis des Gebäudes von 33.500 Goldmark genau 5000 Goldmark zuzuschießen. Als der Präsident des Landgerichts diesen Betrag für den preußischen Fiskus einforderte, konnte sich bei der Linzer Stadtverwaltung niemand mehr an dieses Versprechen erinnern.

Später wurde ans neue Amtsgericht ein eigenes Gefängnis angebaut. Neben dem Gerichtsgefängnis gab es im Linzer Rathaus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch ein eigenes Polizeigefängnis, denn im historischen Rathaus war damals die Polizeiwache untergebracht.

Mit der Machtübernahme Adolf Hitlers im Januar 1933 begann ein dunkles Kapitel: Auch in Linz wurden politische Gegner der NS-Diktatur verhaftet und ins Gefängnis verfrachtet. Schon am 22. März 1933 wurde der Vorsitzende der Linzer SPD in „Schutzhaft“ genommen. Am 1. Mai wurden sodann weitere Gewerkschafter, Sozialdemokraten und Kommunisten erst ins Linzer Gefängnis eingesperrt und noch am selben Tag nach Neuwied verfrachtet, um sich dort einen festlichen Aufmarsch begeisterter Nationalsozialisten anzusehen. Mit der zunehmenden Verfolgung der jüdischen Gemeinde in Linz durch die SS wurden 1938 auch die jüdischen Mitbürger ins Gefängnis eingeliefert.

Mit der Auflösung des Amtsgerichtes in Asbach zum 1. Januar 1966 und der Zusammenlegung beider Amtsgerichte am Standort Linz wurde das Linzer Gefängnis nach und nach aufgelöst, ehe 1970 die Schließung erfolgte. Auf dem Standort des Asbacher Amtsgerichts wurde in den späten 1970er Jahren eine Filiale der Kreissparkasse Neuwied errichtet.

Der langjährige Leiter Bodo Stieler, vermutet, dass ein Grund für die Schließung der Haftanstalt auch die zunehmenden, zum Teil erfolgreichen Fluchtversuche gewesen sein könnten. Ende der 60er Jahre wurden schon die maroden Gefängnismauern nicht mehr saniert, konnten Rundgänge im Innenhof nicht mehr stattfinden, und auch die Gitterstäbe fehlten mehr und mehr. Stieler: „Beim Fegen des Hofs im Außenbereich kletterte ein Häftling über den Zaun und begab sich auf Nebenwegen zu Fuß nach Köln, weil er Sehnsucht nach seinen Kindern hatte. Dort angekommen, wurde er von seiner Frau prompt zurückgebracht. Eine weitere Flucht gelang, während der Wachtmeister ein Bad nahm. In dieser Zeit führte dessen Frau Aufsicht. Die Ehefrau hatte die Gefangenen in ihrer Küche für Einkocharbeiten eingespannt. Das nutzte einer der Häftlinge aus und verschwand durchs Küchenfenster“.

 

 

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