Fürstentochter am Druidenstein erdolcht

Bei beginnendem Vollmond können besonders empfindsame Bewohner im Tal bei Herkersdorf heute noch zur Zeit der Sommersonnenwende das Jammern und Wehklagen der in der Keltenzeit Geopferten auf der Bergkuppe „Druidenstein“ hören. Zumindest hält sich diese Behauptung unverdrossen bis heute.

Von Hermann-Joseph Löhr

Die Kelten errichteten um 350 vor Christus auf dem markanten Druidenstein im Altenkirchener Land ihren Göttern eine Opferstätte, darauf deuten viele Sagen und Mythen hin. Einheimische berichten gar, unglücklich Verliebte würden meinen, in solchen Vollmondnächten die tröstende Stimme der Herke zu vernehmen. In die Sagenbücher fand auch die tragische Geschichte Einzug, wie nahe Altenkirchen die keltische Jungfrau Herke ihre verbotene Liebe mit dem Tod auf dem Opfertisch büßen musste. Herke ist ein anderer Namen für die Göttin Hera, andernorts Herke oder Harke, in Thüringen Frau Holle genannt.

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Keltische Opferstätte: Druidenstein in Herkersdorf
Bild: H.-J. Löhr

Forscher sind sich einig, dass der Druidenstein in Herkersdorf eine religiöse Versammlungs- und Opferstätte der Keltenzeit war. Die Druiden waren eine keltische Gruppe von Priestern; Philosophen und Politikern. Nach Gaius Julius Caesar waren die Druiden Angehörige der keltischen Adelsschicht, die sich dem Studium der Philosophie und Religion widmeten. Sie hatten in der keltischen Gesellschaft die Rolle des Priesterstandes inne, waren Weise und auch Medizinmänner. Geht es nach der Feder von Cäsar in seinem Werk der „Gallische Krieg“ dann disputieren die Druiden über die Gestirne und ihren Lauf, die Größe der Welt und der Erde, die Natur der Dinge und das Walten und die Macht der unsterblichen Götter und gaben das dann an die Jugend weiter.

Funde wie der Bronzekalender von Coligny bestätigen diese Aussagen. Die Kelten geben aber auch heute noch nach jahrzehntelanger Forschung viele Rätsel auf. Sie hinterließen keine eigenen schriftlichen Spuren und ihre Siedlungen können nur in den seltensten Fällen lokalisiert werden. Ihre Zivilisation ist immer noch wenig erforscht und ihr kultureller Stellenwert wird oftmals unterschätzt. Das Kelten-Museum Libramont in den nahen Ardennen beispielsweise bemüht sich, in seiner Dauerausstellung die vielen Klischees und falschen Vorstellungen vom Leben dieser Stämme zu korrigieren.

Jüngere archäologische Untersuchungen belegen, dass die Kelten einen hohen Zivilisationsgrad sowie ein außergewöhnliches Know-how aufzuweisen hatten, sowohl in technologischer und künstlerischer Hinsicht als auch in militärischen und wirtschaftlichen Belangen. Im Gegensatz zur bisherigen und falschen Meinung, musste die Zivilisation der ersten Bewohner Galliens in keiner Weise hinter der römischen Kultur zurücktreten.

Sie hat nichts mit den zerzausten, undisziplinierten und geistig unterentwickelten Gestalten zu tun, die vielleicht aus unserer Kindheit in Erinnerung geblieben sind. Anders als bei den Comichelden Asterix und Obelix darf man nahe des Herkersdorfer Basaltkegels gerne in eine Millionen Jahre alte Geschichte eintauchen. Die keltischen Priester haben der Sage nach am Druidenstein Menschenopfer dargebracht. Menschen wurden nach den jeweiligen Berichten ihrer Feinde von Kelten wie Germanen, Slawen und Puniern geopfert. Römische Quellen, unter anderem Tacitus, berichten, das Brauchtum des Menschenopfers sei unter den Kelten weit verbreitet gewesen

Heilige Handlungen am Opferstein

Die heiligen Handlungen des Opferns für die Götter durften bei den Kelten nur makellose, reine Jungfrauen als Dienerinnen am Opferstein vollziehen. Die keltischen Priester, die Druiden, überwachten die Opferhandlungen. Reine Jungfrau war nur das Mädchen, das noch nicht von einem Mann berührt worden war. Die ausgewählten Mädchen waren sich als neue Druidin ihres Wertes bewusst. Ihres hohen Amtes willen entsagten sie daher jedem irdischen Verlangen.

Die Sage berichtet, dass eine schöne Tochter des keltischen Stammesfürsten, taufrisch und rein wie der Bergquell, ihre aufkeimende Liebe zu einem Jüngling ihres Stammes leider nicht zu bezwingen vermochte. Tapfer kämpfte sie zwar gegen ihre Begierde an. Ihr zartes Gemüt erkrankte gar an dem Zwiespalt in ihrem Inneren. Dennoch, als am Sonnwendabend im Juni der heimlich Geliebte in seiner jugendlichen Schönheit vor ihr stand, vergaß sie, was die Pflicht ihr abverlangte.

Wie eine Traumwandlerin folgte sie dem Jüngling und wurde seine Frau. Aufmerksame keltische Priester jagten den Frevelnden nach, erstachen den Jüngling und schleppten die verzweifelte Fürstentochter zum Opfertisch. Sie erdolchten die Frevlerin als Mahnung an die anderen Jungfrauen. Das Opfer sollte mit ihrem Blut das begangene Unrecht büßen.

Die keltische Kultur wird seit um 1000 vor Christus nachgewiesen in Nordwestfrankreich, in der Eifel, in den Ardennen, im Hunsrück und im Westerwald. Pater Dr. Bernhard Rötter beschreibt in seinem 1930 erschienenen Buch „Aus den Tagen der Vorzeit“ ausführlich die keltische Kultstätte am Druidenstein. Die Einwanderung der Kelten in den Westerwald erfolgte wohl vom Hunsrück aus. Um 100 vor Christus entstand der Ringwall am Bonner Petersberg-Plateau oder am St. Katharinener Hummelsberg. Aus der La-Tène-Zeit um 380 vor Christus stammen keltische Schutz- und Fliehburgen am Malberg und am Druidenstein. Sie waren mit einem Ringwall gesichert. Um 480/470 vor unserer Zeit war ein dicht besiedeltes Zentrum der Kelten das Schiefer-Hochplateaus der Ardennen.

Es gab allerdings nicht das „Volk der Kelten“, sondern vielmehr existierten verschiedene Stämme innerhalb des keltischen Kulturkreises. Religion, Kunst und Kultur waren ihnen gemeinsam. Ihre Sprache wurde später teilweise von überlagernden germanischen Stämmen übernommen.

 

 

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