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Helden von Mogadischu trainierten im Pfaffenbachtal

Plötzlich kreisen zwei Hubschrauber über dem Jahrhunderte lang friedlich daliegenden Pfaffenbachtal zwischen Asbach und Windhagen. An einem schroffen Felsabhang seilen sich Männer in grünoliven Kampfanzügen ab, das Gesicht verdeckt mit strickwollenen Kopfhauben. Hubschrauber öffnen ihre Seitentüren und weitere Männer in Tarnanzügen springen heraus, gesichert mit dicken Tauen. Das Pfaffenbachtal wird 1973 urplötzlich zum Trainingsgelände einer bislang der Öffentlichkeit unbekannten Antiterror-Einheit der Bundesrepublik Deutschland, der GSG 9.

Von Hermann-Joseph Löhr

SG steht für Grenzschutzgruppe, sie übt als Antiterroreinheit des Bundesgrenzschutzes (heute: Bundespolizei) im abgeschiedenen Pfaffenbachtal nahe ihres eigentlichen Standortes Sankt Augustin-Hangelar. Fast 30 Grenzschützer trainieren das schnelle Sich-Bewegen in schroffer Landschaft, schleichen lautlos, lernen den Vordermann zu sichern, nähern sich mit umgehängter Maschinenpistole still dem Zielobjekt. Lediglich ein paar weidende Kühe und der eine oder andere Spaziergänger beobachten damals das seltsame Treiben, hören leise Kommandorufe, sehen wie sich einige der Kämpfer plötzlich fallen lassen; wie andere heran robben.

Ulrich Wegener

Nach dem Terroranschlag bei den Olympischen Spielen 1972 in München erdachte Ulrich Wegener, hier mit einem Modell der „Landshut“, die Gründung der Spezialeinheit GSG9 und fand damit bei Kanzler Schmidt Gehör.
Bild: H.-J. Löhr

Was sich da im Pfaffenbachtal zuträgt, ist eine von vielen verschiedenen Übungen der neuen Spezialeinheit unter Anleitung und Führung des Windhagener Polizeioffiziers Ulrich K. Wegener. Es war die Idee des heute 85-jährigen Windhageners, eine solche Spezial-Truppe aufzubauen und 1977 war Wegener vorneweg bei der ersten großen Bewährungsprobe seiner Anti-Terrorkämpfer dabei. Er leitete und führte die Erstürmung der entführten Lufthansa-Maschine „Landshut“. Selbst heute noch ist der „Held von Mogadischu“ ein international gefragter Sicherheitsexperte.

Wegener selbst stand den Rhein-Westerwald-News Rede und Antwort zu den Hintergründen, die vor 52 Jahren, 1972, zur Bildung der neuen Kampfeinheit führten. Wegener war damals als Oberstleutnant Verbindungsoffizier des Bundes-Grenzschutzes im Bonner Innenministerium. Er unterstand direkt Innen- und Sportminister Hans Dietrich Genscher. Gemeinsam mit dem Minister war Wegener Gast bei den Olympischen Spielen 1972 in München und erlebte den Terror-Anschlag einer palästinensischen Gruppe gegen israelische Sportler hautnah mit.

Es war der 5. September. Das palästinensische Attentatskommando benutzte die Spiele zum Anschlag auf Israel, nahm israelische Sportler als Geiseln und verlangten die Freilassung von 232 Palästinensern aus israelischen Gefängnissen sowie der deutschen RAF-Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof.

Der Befreiungsversuch der bayerischen Polizei misslang, Wegener bezeichnet ihn mit klaren Worten als dilettantisch. Die Polizisten waren ungenügend bewaffnet und für eine solche Aktion nicht ausgebildet. Es starben alle neun Geiseln und fünf der acht Terroristen auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck. Ein Polizeibeamter kam ums Leben.

1973 waren zwei Elite-Einheiten bereit

Die Bundesregierung war geschockt und offen für ein neues Konzept zur Gefahrenabwehr. Genscher hörte auf den Rat seines Oberstleutnants Wegener, der eine Anti-Terror-Einheit aufbauen wollte. Nach Rücksprache mit Kanzler Helmut Schmidt  erteilte Genscher den Auftrag, den Spezialverband zur Rettung von Menschenleben in Fällen schwerster Gewaltkriminalität zu entwickeln. Die Bundesregierung stellte Wegener einen eigenen „Finanztopf“ zur Verfügung. Luftbewegliche Zugriffe, Fallschirmabsprünge, Häuserkampf, Erstürmung von Flugzeugen und sonstige Einsätze wurden erprobt, geübt und weiterentwickelt. Im April 1973 schon meldete Gründungskommandeur Wegener die Einsatzbereitschaft von zwei Elite-Einheiten.

Am 17. Oktober 1977 bestand die GSG 9 dann ihre Feuertaufe. Die Wochen zuvor im September und Oktober 1977 gingen als „heißer Herbst“ in die Geschichte ein. Mitglieder der Baader-Meinhof-Bande (RAF), verantwortlich für 34 Morde sowie mehrere Entführungen, Banküberfälle und Attentate, saßen seit Sommer 1972 im Gefängnis Stuttgart-Stammheim und eine neue RAF-Generation versuchte, die Inhaftierten freizupressen. Auf ihr Konto gingen die Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback, Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto und die Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer.

War die Bundesregierung erpressbar? Kanzler Schmidt demonstrierte Entschlossenheit. Er gab den Forderungen der Terroristen nicht nach. Doch im Oktober erhielt die RAF Schützenhilfe von der palästinensischen Terror-Organisation PFLP-SC. Die Palästinenser entführten am 13. Oktober den Lufthansaflieger „Landshut“ mit 82 Passagieren, darunter 23 Deutschen. Die Boeing 737-200 war auf dem Weg von Mallorca nach Frankfurt. Vier schwer bewaffnete Palästinenser kaperten das Flugzeug. In Kosmetikkoffern und im Radio versteckt brachten sie zwei Pistolen, vier Handgranaten und Sprengstoff an Bord.

Anführer Zohair Youssif Akache alias Captain Martyr Mahmud forderte die Freilassung der deutschen RAF-Terroristen. Die „Landshut“ musste Kurs auf Rom nehmen. Innenminister Maihofer forderte von Italien, den Weiterflug zu verhindern, doch Italien ließ die „Landshut“ unversehrt weiterfliegen. Kanzler Schmidt persönlich erteilte daraufhin den Auftrag an Oberstleutnant Wegener, mit der GSG 9 einzugreifen.

Psychoterror wurde zur Waffe

Obwohl die Boeing auf fremdem Staatsgebiet landete, setzte sich die GSG mit einem eigenen Flugzeug in Bewegung, flog, ausgerüstet mit Leitern, Pistolen, Handgranaten und Sprengstoff, der „Landshut“ hinterher. Erst ging es nach Dubai. Dort stand die Lufthansa-Maschine drei Tage lang in bis zu 60 Grad Sonnenglut – die Passagiere halb verdurstet, die Klimaanlage ausgefallen, die Toiletten verstopft. Psychoterror wurde zur Waffe der Terroristen. Sollten das Flugzeug nicht augeftankt werden, drohte Mahmud, vier der Geiseln zu erschießen. „Die Erste ist Diana!“   brüllte Mahmud schließlich bei geöffneter Flugzeugtür in Richtung Tower, hielt der 19-jährigen Passagierin für alle sichtbar seine Pistole an den Kopf und begann, von zehn an herunter zu zählen. Bei „eins“ angelangt, signalisierte der Tower: „Wir tanken auf!“

Wegener und 60 GSG 9-Männer beobachteten alles. Kanzleramts-Minister Hans-Jürgen Wischnewski war mit 10 Millionen Mark vor Ort. Die Odyssee aber ging weiter, die aufgetankte „Landshut“ flog über Jemen nach Mogadischu. Hier erlaubte das an westlichen Waffenlieferungen interessierte Somalia der GSG eine Befreiungsaktion. Und so stürmten die Spezialisten am 18. Oktober die Maschine.

Nachts um 2.07 Uhr gab Wegener das Kommando. Blendgranaten zischten, Schüsse peitschten, Schreie gellten –Sieben Minuten später war die „Operation Feuerzauber“ beendet. Dabei wurden drei Geiselnehmer getötet, ein GSG-9-Mann sowie die Stewardess Gabriele Dillmann verletzt und ein deutscher Held geboren: Ulrich Wegener.

Wischnewski meldet an Kanzler Schmidt den erfolgreichen Abschluss. Schmidt gratulierte Wegener daraufhin persönlich und beförderte den Oberstleutnant noch am Telefon zum Oberst.

 

 

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