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Russische Oper auf der Leinwand

Ein herzzerreißendes Drama und unsterbliche Melodien: Die aktuelle Inszenierung von Peter Tschaikowskis Meisterwerk „Eugen Onegin“ an der Metropolitan Opera verspricht ein besonders denkwürdiges Ereignis zu werden, kehrt doch Star-Sopranistin Anna Netrebko in der Rolle als Tatiana an das weltberühmte Opernhaus zurück.

Anna Netrebko als Tatiana ist in Tschaikowskis Oper „Eugen Onegin“ auf der Leinwand zu erleben.
Bild: Ken Howard/MET

Die schicksalhafte Romanze, in der die sentimentale Jugendliche in einer der überzeugendsten Charakterentwicklungen des Genres zu einer kompletten Frau wächst, wird am Samstag, 22. April, ab 19 Uhr, live in kristallklarem HD und mit allerfeinstem Surround-Sound auf die große Leinwand des Cine 5 in Asbach übertragen.

Dass die wohl schönste, berührendste und meistgespielte russische Oper jetzt von Produzentin Deborah Warner ins späte 19. Jahrhundert zwischen Bauernhaus und Tanzsaal angesiedelt wird, nehmen Publikum und Fachpresse mit Begeisterung auf. „Unvergessliche visuelle und emotionale Eindrücke!“ urteilte beispielsweise der „Sunday Telegraph“ nach der Londoner Aufführung, wohl wissend, dass dieses Werk um ein Haar gar nicht das Licht der Bühnenwelt erblickt hätte.

Denn ursprünglich hatte Pjotr Iljitsch Tschaikowski in 1877 ein anderes Opernprojekt geplant, um eine persönliche Lebenskrise zu meistern. Doch nachdem ihn eine befreundete Sängerin auf Alexander Puschkins Versroman „Eugen Onegin“ aufmerksam gemacht und der russische Komponist das damals äußerst populäre Buch innerhalb kürzester Zeit geradezu verschlungen hatte, war seine Entscheidung schnell gefallen. Obwohl er zeitgleich an seiner 4. Sinfonie arbeitete, vollendete er die Komposition nahezu in Rekordzeit. Bei der Uraufführung anno 1879 in Moskau vermied der Komponist dann bewusst das Wort „Oper“, um vielmehr von „lyrischen Szenen“ zu sprechen: „Ich brauche keine Zaren, Zarinnen, Volksaufstände, Schlachten, Märsche … ich suche ein intimes, aber starkes Drama, das auf den Konflikten beruht, die ich selber erfahren oder gesehen habe, die mich im Innersten berühren können.“

Anders als in Puschkins Vorlage rückt deshalb auch die Figur der Tatiana deutlich mehr ins Zentrum seines Werkes. Auslöser der Geschehnisse bleibt jedoch auch bei ihm Eugen Onegin selbst: Ein schneidiger, vom Leben übersättigter, melancholischer Adliger, der der St. Petersburger Gesellschaft überdrüssig ist und auf dem Land nach Ablenkung und Abwechslung sucht. Dass er dabei die Frauen, die ihn lieben und begehren, vor den Kopf stößt, ist seiner Arroganz geschuldet.

Diese Erfahrung muss auch Tatiana machen. Nachdem sich die schwärmerische Gutsbesitzertochter auf den ersten Blick in den Lebemann verliebt hat, gesteht sie ihm ihre Gefühle in einem Brief. Seine Antwort allerdings ist eine herablassende Ablehnung und ein Flirt mit Tatianas Schwester Olga. Die Situation eskaliert, es kommt zum Duell zwischen Onegin und Olgas eifersüchtigem Verlobten Lenski. Jahre später begegnen sich Tatjana und Onegin ein zweites Mal. Als Fürstin Gremina ist sie jedoch mittlerweile zum Mittelpunkt der Petersburger Gesellschaft geworden. Deshalb sind nun auch die Rollen vertauscht: Onegin macht der verheirateten Tatiana den Antrag, mit ihm zu kommen. Doch jetzt erteilt sie ihm eine Absage…

Die dramatischen Verstrickungen zweier Liebender, die sich stets im falschen Augenblick begegnen, boten Tschaikowski reichlich Gelegenheit, die literarische Vorlage nuanciert in Musiksprache zu übersetzen – und zwar in einer Art, von der sein böhmischer Kollege Antonin Dvorák schwärmte: „Diese Musik ist bestrickend und dringt so tief in unser Herz ein, dass man sie nie wieder vergessen kann …“ (imr)

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