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Umfrage: Zeitspender oder Zeitvernichter?


Über die Lust und Last des Bahnfahrens

Hier lesen Sie den Artikel von RWN-Redakteurin Eva Geisler über Lust des Bahnfahrens. Scrollen Sie runter, um auch den Beitrag von RWN-Redakteur Thomas Volk über die Last des Bahnfahrens zu lesen. Über die Kommentarfunktion ganz unten und die Abstimmung links auf dieser Seite können Sie Ihre eigene Meinung kundtun.

Für sie sei das Bahnfahren „geschenkte Zeit“, sagt RWN-Redakteurin Eva Geisler. Statt sich wie beim Autofahren auf den Straßenverkehr konzentrieren zu müssen, könne sie zum Beispiel lesen, E-Mails schreiben, im Internet surfen oder einfach aus dem Fenster gucken und abschalten.

Von Eva Geisler

Ich empfinde die 30-minütige Bahnfahrt zwischen meinem Wohn- und Arbeitsort als willkommene Übergangszeit zwischen Privat- und Arbeitsleben. Bisher habe ich noch nie in unmittelbarer Nähe meines Arbeitsplatzes gewohnt und würde mir dies auch nicht wünschen.

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Pro: RWN-Redakteurin Eva Geisler fährt (meistens) gerne mit der Bahn und freut sich über „geschenkte Zeit“.
Bild: privat

Da es mir zu langweilig ist zu Hause zu lesen, stellt Zugfahren für mich eine ideale Möglichkeit dar, Zeitschriften und Bücher „abzuarbeiten“, die sich bei mir angesammelt haben. Zumindest rein theoretisch und in der Vergangenheit. Als Kleinkind-Mutter nutze ich die „Zeit für mich“ derzeit nämlich sehr viel häufiger für das Schreiben und Lesen von Whatsapp-Nachrichten, Social-Media-Aktivitäten und Internet-Shop-Besuche, um in Anwesenheit meines Kindes nicht allzu häufig mit meinem Handy rumzuhantieren.

Glücklicherweise macht es rein zeitlich betrachtet quasi keinen Unterschied, ob ich den Zug oder das Auto nehme. Die Zeit, die ich von Haustür zu Haustür benötige, ist im Regelfall in etwa gleich. Zudem entgehe ich durch das Zugfahren dem durch die abendliche Rush Hour bedingten Stau, den ich oft genug vom Zugfenster aus beobachten kann. Auch die oft schwierige bis erfolglose – und natürlich Zeit kostende – Suche nach einem legalen Parkplatz entfällt durch das Stehenlassen des Autos.

Zudem gelingt es mir stressfreier, pünktlich auf der Arbeit zu erscheinen, wenn ich den Zug nehme. Da er zu einer bestimmten Zeit abfährt, muss ich pünktlich am Bahnhof sein. Bin ich das, ist so gut wie sichergestellt, dass ich pünktlich an meinem Arbeitsplatz ankomme – selbst wenn der Zug leichte Verspätung hat. Fahre ich mit dem Auto, ist das Risiko viel größer, zu spät loszufahren, da ich keine „Deadline“ habe. Und dann sitze ich im Auto, fühle mich gehetzt und hoffe, nicht noch in einen Stau oder hinter schleichende Autos zu geraten.

Nicht zuletzt empfinde ich meinen Weg zur Arbeit auch als abwechslungsreicher, wenn ich ihn im Zug zurücklege statt alleine im Auto. Man begegnet Leuten, bekommt Unterhaltungen mit und führt ab und an selbst ein Gespräch. Selbst frustrierende – zum Glück seltene – Ereignisse, wie das durch einen Bahnstreik bedingte Stranden in der „Pampa“, sind mir eher als abenteuerliches Erlebnis im Gedächtnis geblieben.

Doch Ausnahmen bestätigen die Regel: Nicht wirklich wertschätzen kann ich die „geschenkte Zeit“ etwa, wenn ich total verschnupft bin oder unkostümiert in einer Horde von vorglühenden Jecken sitze. Und ich freue mich jetzt schon darauf, wenn es wieder so lange hell ist, dass man auf der Heimfahrt beim Blick aus dem Fenster nicht mehr gegen eine schwarze Wand starrt.

„Diese Zeit gehört Dir. Wo sonst können Sie unterwegs lesen, schlafen, spielen oder einfach tun, was man will“. So wirbt die Deutsche Bahn vollmundig um Kunden. – Ha, selten so gelacht, erwidert RWN-Redakteur Thomas Volk.

Von Thomas Volk

Meine Pro-Kollegin ist ja voll des Lobes für die angebliche Zeitersparnis auf ihrer Bimmelbahnroute zwischen Linz und Koblenz. Mal abgesehen davon, dass ich für meine etwas längere regelmäßige Zugfahrt auch die Regionalbahn zwecks Anschluss in Koblenz benutzen muss – von Zeitersparnis und Entspannung keine Spur. 40 Minuten reine Fahrzeit wären auch mit dem Pkw locker zu schaffen. Und dann blieben mir oft verdreckte Abteile, stinkende oder oft kaputte Zugtoiletten und gelegentliche Verspätungen erspart. Aber vielleicht ist meine geschätzte Pro-Kollegin da abgehärteter.

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Kontra: RWN-Redakteur Thomas Volk ärgert sich seit 15 Jahren über die Bahn, steigt aber trotzdem nicht um.
Bild: privat

Aber zurück zum Hauptärgernis mit der deutschen Bahn. Kommt er rechtzeitig oder kommt er nicht? Professionelle Zocker könnten mit einer Wette auf „Kommt nicht“ ein Vermögen machen. Für die wöchentliche Hin- und Rückfahrt nach Linz am Rhein (einfache Strecke 400 Kilometer) veranschlagt die Deutsche Bahn laut Fahrplan jeweils rund vier Stunden. Nochmal Ha – obwohl das Lachen jetzt schon gequälter ist. Nach meiner leidvollen Erfahrung seit 15 Jahren kann ich die Sektkorken knallen lassen, wenn es bei den vier Stunden pro Fahrt bleibt.

Mindestens jeder zweite reguläre Intercity-Anschluss in Koblenz ist Makulatur. Da darf man dann entweder am zugigen Bahnsteig warten oder einsame Runden im Bahnhof drehen. Dessen morbider Dreißiger-Jahre-Charme löst übrigens heftige Depressionen aus. Und bequemt sich dann doch irgendwann ein altersschwacher Intercity von Koblenz aus Richtung Mannheim, warten weitere Gefahren. Streckensperrungen, Unfälle an der Bahnstrecke, defekte Waggons, muffeliges Zugbegleitpersonal, geschlossene Bordrestaurants, und das mit den Toiletten hatten wir ja schon.

Goutiert die geschätzte Pro-Kollegin nicht auch deshalb die Bahn, weil sie dann schön in Ruhe ein Buch lesen oder ein kleines Nickerchen machen kann? Und nochmals Ha, selten so gelacht. Saß die Kollegin mit der rosaroten Brille schon mal eingezwängt zwischen lärmenden Schulklassen, transpirierenden Übergewichtigen oder nervigen Schnattergänsen in den viel zu engen Sitzen eines 2.Klasse-Abteils? Und hatte dann dennoch das Gefühl einer Zeitersparnis?

Der ICE-Anschluss in Mannheim garantiert übrigens noch ein weiteres Leckerli für Vielfahrer: Völlige Überfüllung der Abteile. Selbst Stehplätze, bei denen man nicht dauernd mit Koffern, Rucksäcken oder Skiausrüstungen Mitreisender gefoltert wird, sind Mangelware. Unter dem Strich beende ich mindestens jede zweite Zugfahrt mit einer Verspätung von wenigstens einer Stunde, oft noch mehr. Zwangsübernachtungen, weil nichts mehr geht, sind hier gar nicht eingerechnet.

So macht meine angebliche Zeitersparnis-Bilanz nach bisher 15 Jahren wöchentlicher Bahntortur ein Zeitminus von mindestens 2000 Stunden (Lebens-)Zeit aus, die mir die Bahn bei zudem happigen Preisen geklaut hat. Kann ich hier irgendwo eine Diebstahlsanzeige abgeben?

 

 

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