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Wer erschossen wird, „ist selber schuld“

Fledermäuse und Frösche leben heute im weitläufigen und mehrstöckigen Höhlenlabyrinth Ofenkaulen im Siebengebirge. Aber auch Dieter Freese, kaltblütiger Mörder, Ausbrecherkönig und Deutschlands meistgesuchter Verbrecher im Jahr 1962 nutzte das Königswinterer Höhlensystem, um sich vor der Polizei zu verstecken.

Von Hermann-Joseph Löhr

Die Nation hält den Atem an. Freese ist auf der Flucht. Die gesamte westdeutsche Polizei sucht ihn, kommt aber nicht auf die Idee, dass sich einer der gefährlichsten Verbrecher der Nachkriegszeit ausgerechnet im Bergwerksstollen nahe Königswinter verschanzt.

Freese ist ausgebildeter Fremdenlegionär, für den Guerillakrieg geschult. Anfang der 1960er-Jahre startet er seine verbrecherische Karriere im Großraum Bonn, kennt daher Königswinter und die Ofenkaulen. Stets stellt er durch seine außerordentliche verbrecherische Intelligenz die Polizei bis zu seiner Verhaftung 1962 vor eine schwierige Aufgabe.

Königswinter Ofenkaulen - Verbrecher Freese

Klaus Breuer, Vorstandsmitglied des VVS, dem der Berg gehört, zeigt das Stahltor, das die 101. US. Kampfdivision 1945 setzen ließ. Noch sind die Initialen der Armee zu sehen.
Bild: H. W. Lamberz

Auf sein Konto gingen von Oktober 1960 bis Mitte Februar 1962 rund 250 schwere Straftaten. Am 25. Juli 1961 stiehlt Freese in Boppard einen PKW, fährt in den Hunsrück, überfällt eine Bank und entkommt mit 7000 Mark Beute. Kurze Zeit später überfällt er zwei Banken bei Kaiserslautern sowie zwei Banken in Hessen, immer in abgelegenen Kleinstädten, immer alleine. Mit den Tatorten wechselt er zugleich sein Handwerkszeug. Schnell wird er zum meistgesuchten Verbrecher der BRD.

Filialleiter kaltblütig erschossen

Trauriger Höhepunkt ist der Banküberfall in Winningen (Mosel) am 14. Februar 1962. Gemeinsam mit vier bewaffneten Helfern plant Freese die Zweigstelle der Kreissparkasse auszurauben. Während drei Banditen in einem gestohlenen PKW vor dem Geldinstitut warten, dringt Freese mit einem Komplizen in die Sparkasse ein. Sie erbeuten rund 1600 Mark. Freese erschießt den 61-jährigen Leiter der Zweigstelle rücksichtslos. In einer späteren Gerichtsverhandlung kommentiert Freese den Mord eiskalt: „Wenn einer erschossen wird, ist er selber schuld.“

Einen Tag nach dem Raubmord wird das Fluchtfahrzeug gefunden, die Spur führt die Kripo in die Nähe von Boppard. Doch Freese entkommt. Am Laacher See wird er erkannt, kann aber erneut untertauchen. Er schlägt sich bis ins Siebengebirge durch, haust im leer stehenden Wochenendhaus des Kölner Industriellen Oberreuther im Aegidienberger Ortsteil Hövel. Er entwendet Lebensmittel und sucht dann neue Zuflucht in den Ofenkaulen. Dort richtet er sich in einer Höhle häuslich ein. Zufällig entdeckt eine Polizeistreife, die den Petersberg beobachtet, auf einem routinemäßigen Rundgang den Schwerverbrecher in einer der Höhlen.

Die Bonner Bundesregierung mietet damals auf dem Petersberg immer wieder das Hotel für Staatsgäste an. Es gilt daher eine hohe Sicherheitsstufe für den gesamten Geländebereich. Der Beamte kontrolliert pflichtgemäß daher stets auch das labyrinthartige, ausgedehnte Höhlensystem der Ofenkaulen. Eingänge befinden sich zu diesem Zeitpunkt rund um den Berg.

Der Streifenpolizist, begleitet von seinem Diensthund, betritt am 1. März 1962 die Höhlen, als plötzlich, hinter einem Felsvorsprung, ihm eine Gestalt entgegen springt. Freese hält dem überraschten Beamten seine Pistole vor die Brust, entwendet dessen Dienstwaffe und läuft davon. Der Hund hetzt sofort dem Flüchtenden nach, doch Freese erschießt den Hund mit mehreren Kugeln.

Großalarm im Siebengebirge

Sofort wird Großalarm im Siebengebirge ausgelöst. Hubschrauber kreisen; mehrere Hundertschaften der Polizei umstellen das Waldgebiet unterhalb von Ittenbach. Knapp 1000 Polizeibeamte ausgerüstet mit Tränengas und Maschinenpistolen werden eingesetzt. Doch es gelingt ihnen nicht, den Flüchtenden zu stellen. Freese marschiert zurück nach Hövel, entwendet dort in der Nacht zum 2. März 1962 aus der Garage von Oberreuthers Wochenendhaus einen granitgrauen Caravan mit dem Kennzeichen SU-L 366.

Am 09.03.1962 stolpern zwei Grenzpolizisten im verschneiten Bayerischen Wald über den völlig erschöpften, übermüdeten und frierenden Freese, der sich in einem eisigen Schneeloch, gerade mal knapp 120 Meter von der tschechischen Staatsgrenze entfernt, eingebuddelt hat und schläft.

Das Schwurgericht Koblenz urteilt im November 1963 über Freese und dessen Bandenmitglieder. In Handschellen und Fußfesseln wird Freese in den überfüllten Schwurgerichtssaal geführt. Landesmedizinalrat Dr. Fritz Stockhausen aus Bonn beurteilt als Gutachter für die Rechtsfindung den Raubmörder. Er trägt vor, der Täter sei ein gemütsarmer, brutaler Mensch. Er sei völlig desinteressiert an seiner Umgebung. In seinem kalten Egoismus schrecke er vor keinem Mord zurück. Das Urteil über den „gefährlichen Gewohnheitsverbrecher“ lautet auf lebenslange Freiheitsstrafe wegen „schwerer und schwerster“ Verbrechen. Während des gesamten Prozesses zeigt er keine Spur von Reue.

Freese wird ins Zuchthaus Diez (Lahn) gebracht. Dort unternimmt er mehrere Fluchtversuche; sie können in letzter Sekunde gestoppt werden. 1989 gelingt ihm doch noch die Flucht. Knapp zwei Wochen danach kann ihn die Polizei aber erneut festnehmen.

Aber Freese bleibt den Deutschen nicht nur wegen seiner wiederholten Fluchtversuche in Erinnerung: „Der fünfte Mann“ titelten Regisseur Jürgen Roland und Drehbuchautor Wolfgang Menge am 23. August 1966 die 23. Folge ihrer Serie „Stahlnetz“. Sie zeichneten darin Freeses Überfall auf eine Sparkasse nach. Schauspieler Hellmut Lange spielt den berüchtigten Bankräuber.

Am 27. September 1993 wird Horst-Dieter Freese schließlich nach über 30-jähriger Haft entlassen und in ein Betreuungsheim für entlassene Strafgefangene bei Euskirchen überführt. Von dort setzt er sich ab. Seither fehlt jede Spur von ihm.

 

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