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Wie durch ein Wunder

„Plötzlich starrte uns sehr interessiert ein fremdes, lehmverschmiertes Gesicht an, ein Soldat in einer fremden Uniform, den Stahlhelm auf dem Kopf, das Gewehr entsichert im Anschlag. Meine ältere Schwester Hedwig, mein Zwillingsbruder Werner und ich drückten uns eng im kleinen „Bunker“ an die Mutter. Es war der erste US-Soldat, den ich in meinem Leben gesehen habe!“ erinnert sich der 78-jährige Helmut Schneider ans Kriegsende im Monat März 1945 im Neustädter Ortsteil Weißenfels.

Von Hermann-Joseph Löhr

Der Zweite Weltkrieg endete im heute zu Neustadt gehörenden Dorf mit der amerikanischen Besatzung. Das Erstaunliche im örtlichen Kriegsgeschehen: Kein einziger Weißenfelser kam ums Leben, trotz heftigen amerikanischen Artilleriebeschusses über einen Zeitraum von über einer Woche. Dabei erwischte sogar ein Volltreffer das Wohnhaus der Familie Spieß. Weitere Wohnhäuser hatten erhebliche Schäden; einige Stallungen brannten ab.

Hans Georg Spieß

Hans Georg Spieß und Helmut Schneider vor dem neuen Bildstock in Weißenfels. Die historische Josefsfigur aus dem Kotzdahl wurde ins Dorf gebracht. Artur Rauer mauerte für sie einen kleinen Bildstock im Dorf selbst am Wegesrand zur Weißenfelser Ley. Werner Herkrath aus Strauscheid schmiedete ihm ein kunstvolles Schutzgitter. Eine neue Josefsfigur, gestiftet von Günter Schneider wurde in den Kotzdahler Bildstock gestellt. Nun trifft sich die Dorfgemeinschaft alljährlich am 19. März, dem Namenstag des Heiligen Josef am innerörtlichen Bildstock und pilgert gemeinsam zum historischen Bildstock „Im Rech“, dem Standort der Kriegsschutzbunkers 1945.
Bild: H.-J. Löhr

Die Weißenfelser verdankten ihre Unversehrtheit im Zweiten Weltkrieg ihrer Idee, als Dorf-Gemeinschaft zwei Erdbunker in den Hang des Kotzdahls zu graben. Schon Ende März 1945 beschlossen die Dörfler daher, dem Heiligen Josef ein religiöses Kleindenkmal zu stiften. Danke wollten sie sagen. Ganz in der Nähe ihrer Kotzdahler selbst gegrabenen Erdbunker stellten sie einen Eichenstamm auf, schnitzten einen Hohlraum und stellten eine neu angeschaffte Josefsfigur hinein. Dann startete eine Prozession vom Dorf aus zum Heiligenbildnis. Zum 70. Mal wird sich am 19. März 2015, dem Namenstag des Heiligen Josef, das gemeinschaftliche Pilgern der Weißenfelser zu ihrem Schutzparton wiederholen.

Wie kam es zum Bunkerbau?

Der Abwurf feindlicher Fliegerbomben häufte sich mit Neujahr 1945 auch in der Gemarkung Rahms. Im Februar musste die Volksschule in Strauscheid ihre Pforten schließen. Die Bauernhöfe Schneider, Hahn, Schützeichel, Jungbluth, Holl, Ley und Frings bildeten 1945 den Weiler Weißenfels. Sie alle sorgten sich sehr um die Sicherheit ihres Ortes, um das Leben ihrer Kinder und ihr eigenes, lag doch ausgerechnet ihr Dorf auf dem Bergkamm der Weißenfelser Ley hoch über der Wied wie auf einem Präsentierteller.

Vor Ort gab es keinen alten Bergwerksstollen; keine starken Schutzräume oder massiv ausgebaute Kellerräume, in denen man sich bei Fliegeralarm hätte zurückziehen können. Je näher 1945 das Kriegsgeschehen rückte, umso mehr kam der Gedanke auf, sich einen eigenen Schutzraum zu schaffen. Und als hätten es die Weißenfelser geahnt, mit der Eroberung der Remagener Brücker durch die Amerikaner wurde die Situation auch in Weißenfels immer bedrohlicher.

Die Dorfgemeinschaft beschloss, Erdbunker anzulegen. Alle Frauen und der 65-jährige Zimmermann Johann Holl sowie die Rentner Johann Ley, Mathias Schützeichel, Hermann Frings und Johann Jungbluth gruben im Februar 1945 zwei schmale Erdbunker in den steilen Hang des Kotzdahls unterhalb von Weißenfels. Der Kotzbach hatte sich im Laufe der Jahrtausende eine enge und steile Schlucht in Richtung Alsau zur Wied gegraben. Der dem Dorf zugewandte Steilhang wurde senkrecht abgegraben.

Eng an die neue Böschungswand baute Zimmermann Holl mit Weidepfosten, Stämmen und Brettern zwei nebeneinander liegende Unterstände. Eng aneinander fügte er mit Rundhölzern und kleineren Baumstämmen die Seitenwände der Unterstände. Mit Nägeln und Klammern, mit Moos und Dreck wurden die Lücken zwischen den Hölzern geschlossen. Die verbretterten Decken wurden hoch mit viel Erde abgedeckt. Die ganze schwere Arbeit, das Zurechtschlagen der Stämme, das Wegtragen der abgegrabenen Erde, das Heranschleppen von Stroh und Laub musste von den Frauen mit geleistet werden.

Die größte Angst hatten die Menschen vor Granatsplittern, die unberechenbar von den zerberstenden Granaten umher flogen. Mancher Splitter knallte in die Suppentöpfe, die die Frauen vor den Bunkern mit dem zubereiteten Essen stehen hatten. Einer der beiden Bunker war größer und besser ausgestattet, darin lagen Stroh und viele Decken. Dort übernachteten die knapp 30 Personen.

Im kleineren „Bunker“ standen roh behauene Bänke, die Kinder schliefen im Sitzen auf dem Schoß der Mütter. Helmut Schneider erinnert sich an den kleineren „Bunker“. Dort lag nur trockenes Laub und Stroh, da konnte man ein wenig spielen. Alle Kinder und Frauen bezogen gemeinsam Quartier im Unterstand. Nur zum täglichen Füttern der rund 30 Kühe, der Schweine und Hühner gingen einige Erwachsene jeden Morgen noch im Dunkeln unter Lebensgefahr hin zu den Wohnhäusern, molken die Kühe und versorgten das Vieh.

Massive Schäden davon getragen

Ab dem 8. März bombardierten deutsche Flugzeuge bekanntlich die Brücke von Remagen. Ein deutscher Divisionsgefechtsstand der 340. VGD ist in der Chronik für den 14. März für Bertenau mitgeteilt. Die deutsche Wehrmacht rückte tatsächlich auch in Weißenfels ein. Es war nur ein kleiner Zug mit zwei Geschützen, mit einem Meldefahrer, einem Munitionswagen und einem Funkgerät. Viele Scheunen und zwei oder drei der Weissenfelser Wohnhäuser erlitten massive Schäden.

Etwa ab 11. März beschossen Amerikaner Weißenfels vom St. Katharinener Ortsteil Steinshardt aus mit Granaten. Und aus Richtung „Röder“ oder „Ginsterhahner Kopf“ (377 m); wo heute der Sendemast steht, flogen die unheilbringenden Granaten in den Ort. Weißenfels geriet am 15. März unter besonders starken Beschuss, die US-Armee begann auf ihrer gesamten Front des Erpeler Brückenkopfes mit Angriffen. Am 18. März lag beispielsweise auch Roßbach unter Artilleriebeschuss.

Schneider geht davon aus, dass die amerikanische Armee die deutsche Funkstation anpeilen konnte und dadurch das Dorf zum militärischen Zielobjekt wurde. Die deutschen 8,8-cm-Geschütze schossen zurück, soweit sich Helmut Schneider erinnert. Die Granathülsen der Artilleriegeschütze lagen zuhauf im Dorf. Ob die Funkleitstelle den deutschen Zielanflug auf Remagen steuerte, fand Schneider nicht heraus.

Manche Gebäude in Weißenfels gerieten in Brand und wurden Opfer der Flammen. Ans Löschen war im Beschuss nicht zu denken. „Das Wunderbare aber“, so Hans-Georg Spieß (71 Jahre) „alle Dorfbewohner überlebten, alle, ob jung oder alt, entkamen unversehrt mit heiler Haut dem Krieg! Eine der Granaten, die in mein Elternhaus einschlug, durchbrach ausgerechnet die Wand, an der das Ehebett meiner Eltern stand. Ein riesiges Loch klaffte in der Hauswand. Hätte meine Mutter im Haus übernachtet, meine beiden Schwestern und ich wären Halbwaisen geworden!“ Helmut Schneider erinnert bedrückt daran, dass es Tote gab, aber es waren Fremde. Deutsche Soldaten kamen in Weißenfels und in den nah gelegenen Wäldern im Abwehrkampf gegen die US-Armee auf teilweise grausame Art ums Leben.

Für Bombardements auf den Wiedhöhen sorgte auch die Autobahn A3. In den Jahren 1936 bis 1939 war für die Reichsautobahn Köln-Frankfurt die Wiedbachtalbrücke als imposantes Gewölbebauwerk über dem Wiedtal zwischen Ammerich und Wölsreeg entstanden. Sie war das größte Bauwerk der A3 und überspannte das Tal bei Neustadt als Viadukt mit zwölf Säulen auf einer Länge von 425 Metern und einer Höhe von 52 Metern. Bereits vor dem Frühjahr des Jahres 1944 gab es daher Bombenangriffe auf die Autobahn als auch auf die Stadt Remagen und ihre Umgebung.

Die deutsche Wehrmacht gab Befehl, am 11. oder 12. März 1945 die Wiedtalbrücke zu sprengen und so wurde sie letztendlich am 18. März mit sechs Tonnen Sprengstoff zerstört.

 

 

 

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