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Marlies Schumacher aus Schwirzpohl


Wie lebt es sich im kleinsten Dorf Deutschlands?

Für die einen ist es das kleinste Dorf Deutschlands, für  andere ein lauschiges Idyll am Ende der Welt. Für Marlies Schumacher hingegen ist Schwirzpohl Heimat, Geburts-, Arbeits-, Rückzugs- und Wohlfühlort in einem. Sie ist die einzige Bewohnerin des 1306 erstmals in Schriften erwähnten „Gütchen Swyrzpuhl“, das Ende vergangenen Jahres bundesweit in die Schlagzeilen kam – mit der Aufstellung eines eigenen Ortsschildes.

Marlies Schumacher am Ortseingang
Bild: Presseagentur Funk

Das war vielleicht ein Rummel“, erinnert sich Marlies Schumacher mit einem lachenden und einem gestressten Auge. „Wenn Deutschlands größtes Boulvevard-Blatt über mich schreibt ,Ich bin Deutschlands kleinstes Dorf‘, dann lockt das natürlich viele Journalisten, Fernsehleute und natürlich auch Vorwitztüten an.“

Historische Aufnahme des „Gütchens Swyrzpuhl“
Bild: privat

Den Trubel, der durch das neue Ortsschild ausgelöst wurde, hat sie gut überstanden. „Auch wenn ich offiziell einzige Bewohnerin von Schwirzpohl bin – einsam ist es hier nicht. Und einsam fühlen, das tue ich erst recht nicht. Dafür sorgen schon meine Pensionsgäste, in der Woche sind das meist Monteure, an den Wochenenden sind vornehmlich Wanderer, Ruhesuchende und Mountainbiker hier zu Gast“, geht die rüstige Endsiebzigerin auf ihr „Lebenselixier“ ein, denn „der Kontakt mit Menschen aus aller Welt hält jung!“.

Um zu ihr und ihrer Pension  zu gelangen, orientiert man sich im Nachbardorf Gratzfeld rechts, fährt die schmale „Schwirzpohler Straße“ entlang, überquert den Quirrenbach über ein Brückchen und schon ist man am Ziel – da, wo es offiziell nicht mehr weitergeht, dort wo sich Fuchs und Hase buchstäblich gute Nacht sagen.

Bis 1969 eigenständiger Ort

Auch wenn das nur 1,6 Hektar große Schwirzpohl laut Königswinterer Einwohnerstatistik vom 30. Juni 2017 kleinster, bewohnter Stadtteil ist, so zählt er doch zu den ältesten Ansiedlungen im Oberhau. Das fand Wilbert Fuhr bei seinen intensiven Recherchen zur 800-Jahr-Feier von Gratzfeld und zur Historie des Oberhau heraus. „1306 wurde ,Swyrzpul‘ erstmals urkundlich erwähnt, Priester sollen hier auf einem Hof Holz gehauen und Landwirtschaft betrieben haben. Im 15. Jahrhundert ist dann von zwei offiziellen Förstern die Rede. Aus der neueren Zeit ist bekannt, dass Vater und Großvater von Frau Schumacher Mitglieder des bedeutendsten Gremiums im Oberhau waren“, geht der Heimathistoriker auf die Entwicklung von Schwirzpohl ein, das zu Zeiten von vierstelligen Postleitzahlen sogar eigenständiger Ort war – bis zur kommunalen Gebietsreform und der Eingemeindung nach Königswinter anno 1969.

An diese Zeit erinnert auch das große, gelbe Ortsschild „Schwirzpohl, Regierungsbezirk Köln, Siegkreis“, das allerdings nicht an der Straße stand, sondern  direkt am Gebäude angebracht war und sogar den Abriss des einst über 300 Jahre alten Fachwerkhauses in 1986 schadlos überstand. „Es war schon traurig mit anzusehen, wie mein Geburtshaus wegen behördlicher Auflagen infolge des Neubaus in Schutt und Asche gelegt werden musste“, erinnert sich Marlies Schumacher an jene Tage. Ans Wegziehen hat sie dennoch nie gedacht: „Ich fühle mich hier pudelwohl. Das Stadtleben mag ich nicht.“

Dafür nimmt sie auch „ein paar Unbequemlichkeiten“ gerne in Kauf, wie Fahrten zur Bank oder zum Einkaufen. Und so ist die lebensfrohe reife Dame auch Stammkundin im Vorteil-Center Asbach. Besonders angetan hat es ihr der dortige Medimax-Markt: „Die beraten mich immer gut, gleich ob ich was Neues oder nur einen Ratschlag brauche.“ Und auch die Rhein-Westerwald-News möchte sie nicht mehr missen: „Ja, die erhalte ich tatsächlich pünktlich alle zwei Wochen am Samstag. Ich lese sie intensiv, denn da finde ich auch Informationen, die in keiner anderen Zeitung stehen.“ (imr)

 

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