Als vornehme Blässe plötzlich nichts mehr galt

In den 1970er Jahren hieß der Werbeslogan noch: „Delial bräunt ideal!“, doch da eine Sonnencreme bekanntlich nicht bräunt, sondern die Haut vor einem Sonnenbrand schützen soll, wurde er zu „Delial pflegt ideal!“ überarbeitet. Aus heutiger Sicht politisch vollkommen inkorrekt kommt gar eine Werbung aus den frühen 1950ern daher: „Braun wie ein Neger und ohne Sonnenbrand durch Delial!“ Dem Erfolg der Marke hat dieser Fehlgriff aber wohl nicht geschadet.

Delial

Vor dem Sonnenbad Sonnenmilch aufzutragen ist heute eine Selbstverständlichkeit. Vor 100 Jahren war hingegen selbst das Sonnenbad noch verpönt.
Bild: Fotolia

Die Deutschen sind bekanntlich ein äußerst reiselustiges Volk, vor allem seit der viel zitierten Wirtschaftswunderzeit. Unzählige VW „Käfer“ tuckerten damals gen Süden – vornehmlich Richtung Italien. Im Reisegepäck der meisten Urlauber befand sich vermutlich eine ganz bestimmte Sonnencreme: Delial.

Bereits zwanzig Jahre zuvor hatte die Drugofa GmbH, eine Tochter des Leverkusener Bayer-Konzerns, das damals völlig neuartige Produkt auf den Markt gebracht: Es war 1933 die erste Creme, die einen UV-Lichtschutzfilter enthielt. Zahlreiche mit Bildschirmen und Lautsprechern bestückte Lastwagen fuhren bald an den Stränden der Nord- und Ostsee entlang und zeigten die Delial-Werbefilme.

Dass die Sonnencreme erst in den 1930er Jahren erfunden wurde und damit ein vergleichsweise junges Produkt der Forschung ist, hat einen ebenso einfachen wie soziologisch interessanten Hintergrund: Bis dahin war ein dunkler Teint in unseren Breiten nahezu verpönt. Die helle Hautfarbe galt in Europa als ein Zeichen von Reichtum. Man sprach ja auch von „vornehmer Blässe“, die davon zeugte, dass man nicht gezwungen war, sich – wie Landarbeiter und Sklaven – der Sonne auszusetzen, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Dass Delial genau im Jahr der „Machtergreifung“ durch die vom Rassenwahn geprägten Nationalsozialisten das Sonnenlicht der Welt erblickte, mutet geradezu paradox an. Dieser Widerspruch liegt wohl hauptsächlich in der Entdeckung der Heilkraft der Sonne begründet: Die sich immer weiter ausbreitende Industrialisierung und der daran anknüpfende wachsende Wohlstand der Allgemeinheit unterstützte in jenen Jahren das Bestreben vieler Ärzte, der Bevölkerung zur Vorbeugung von Krankheiten regelmäßige Sonnenbäder zu empfehlen.

Und schon bald wandte sich der beschriebene Trend ins Gegenteil um: Fortan galt gebräunte Haut als Zeichen von Reichtum: Wer einen braunen Teint präsentierte, konnte sich einen Urlaub leisten – womöglich in fernen Ländern – und hatte Delial oder eines der inzwischen angebotenen Konkurrenzprodukte im Gepäck.

In den 1950ern kam zusätzlich zur Sonnencreme die erste Delial-Sonnenmilch auf den Markt, die einige Jahre später in unterschiedlichen Lichtschutzfaktoren angeboten und entsprechend gekennzeichnet wurde. Ab den späten 1960er Jahren brachten mehrere Hersteller Schutzcremes gegen die UV-A-Strahlen der Sonne heraus, Mitte der 1970er folgten wasserfeste Cremes und Lotionen – nun brauchte nicht mehr nach jedem Sprung ins kühlende Nass nachgecremt zu werden.

Im Jahre 1996 wurden mehrere Marken der Bayer AG – darunter Delial – vom US-Konzern Sara Lee übernommen. Dieser verkaufte sie 2005 an den Kosmetikhersteller L‘Oréal weiter, der 1936 seine erste Sonnencreme auf den Markt gebracht hatte.

Übrigens: Auf Urlaubsreisen in warme Gegenden empfiehlt es sich, neben der Sonnenmilch ein weiteres, ursprünglich ebenfalls von Bayer entwickeltes Produkt in der Reiseapotheke mit sich zu führen – die Insektenschutzmarke Autan, die 1958 im Handel eingeführt wurde und heute der Firma SC Johnson gehört.

 

 

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