An der Nase herumgeführt

Die Nase im dritten Akt   Bild: MET/Ken Howard

Die Nase im dritten Akt Bild: MET/Ken Howard

Anna Netrebkos Stimme ist kaum verklungen, da steht im Cine5 bereits das nächste Highlight an: die 135-minütige Live-Übertragung von William Kentridges spektakulärer Neuinszenierung von Schostakowitschs „Die Nase“ am 26. Oktober um 19 Uhr aus einem der renommiertesten Opernhäuser der Welt – mit deutschen Untertiteln, in HD-Qualität und mit Surround-Sound.

Der Schwerpunkt der Met-Saison 2013/14 liegt auf dem russischen Fach. So zählt denn auch Schostakowitschs „Die Nase“ eher zu den Raritäten denn zu den Klassikern. Das turbulent-sarkastisch-freche Jugendwerk ist Dmitri Schostakowitschs (1906-1975) Bühnenerstling und entstand in den „wilden 20er Jahren“, einer Zeit, in der der Komponist glaubte, mit seinen Künstlerkollegen eine blühende Zukunft seines Landes mitgestalten zu können.

Inspiriert durch Nikolaj Gogols gleichnamige sozialkritische, sarkastisch-absurde Erzählung, komponierte der 24-jährige Schostakowitsch eine glitzernd-komische Musik in 16 mehr oder weniger kurzen, aufeinander folgenden Szenen unterschiedlichen Charakters: Zirkusmusik, Galopp, Polka, russisch-orthodoxe Kirchenmusik, Volksmusik – alles Mittel der Avantgarde dieser Zeit für eine vernichtende Kritik an der Autorität- und Hierarchiebesessenheit der russischen Gesellschaft.

Die Uraufführung von „Die Nase“ 1930 in Leningrad brachte indes nur mäßigen Erfolg. 1936 wurde die Oper gar Opfer der restriktiven Kulturpolitik und kam erst 1974 am Moskauer Bolschoitheater wieder auf die Bühne. Gastspiele des Ensembles in ganz Europa machten das Werk bekannt und zu einem Synonym für das weltweit geschätzte avantgardistische russische Musiktheater der 1920er Jahre.

In der vielumjubelten Neuinszenierung des südafrikanischen Zeichen- und Videokünstlers William Kentridge wirken Bariton Paulo Szot als Kowaljow, Tenor Andrej Popow als Polizeiwachtmeister sowie der Chor und das Orchester der MET unter Leitung von Valery Gergiev und mit Dirigent Pavel Smelkov mit.

 Zum Inhalt: „Ohne Nase ist der Mensch kein Mensch, höchstens ein Vogel“, so meditiert der Petersburger Kollegienassessor Kowaljow, der eines Morgens ohne seine Nase aufwacht. Mit der Suche nach seinem Organ beginnt der urkomisch possenhafte Albtraum. Denn sein Barbier hat dieses fast zeitgleich in seinem Brot gefunden und in die Newa geworfen.

Kowaljew begegnet anschließend seiner Nase in der Gestalt eines hochgestellten Beamten in der Kirche. Doch er kann sie nicht ergreifen. Eine Suchannonce in der Zeitung wird von den Verantwortlichen abgelehnt. Unterdessen ist auch die Polizei auf das sich verselbständigende Organ Kowaljows aufmerksam geworden – jetzt führt die Nase selbst die Behörden an der Nase herum.

Die Folgen sind Prügeleien, Missverständnisse, ja selbst missverstandene Heiratsanträge – bis die Nase  wieder auf ihre ursprüngliche Größe schrumpft.

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