Marken des Alltags: Reissdorf

 

Aus der Nische zum Kölschen Nationalgetränk

Die Bezeichnung „Kölsch“ ist nicht viel älter als 110 Jahre. Erst anno 1905 wurde sie für das obergärige Kölner Bier eingeführt, das man zuvor „Wiess“ genannt hatte. In jenem obergärigen Weißbier, das die Kölner vom 15. Jahrhundert an als „wijss bier“ getrunken hatten, waren allerdings noch die Eiweißstoffe und die Hefe enthalten gewesen, die beim Kölsch, wie bei den meisten heutigen Bieren, herausgefiltert wurde.

Das Erscheinungsbild hat sich im Lauf der Jahre enorm gewandelt – der Inhalt aber blieb gleich: Reissdorf Kölsch
Bilder: Hersteller

Ende des 19. Jahrhunderts kam es in Köln zu zahlreichen Brauereigründungen. Eine unter ihnen: die „Obergärige Brauerei Heinrich Reissdorf“. Sie wurde am 4. September 1894 im Kölner Severinsviertel gegründet. Bis zum Jahre 1908 führte Gertrud Reißdorf die Brauerei als Alleininhaberin, nachdem der Gründer am 25. Februar 1901 verstorben war. Der Fortbestand des Unternehmens war jedoch gesichert, denn das Ehepaar hatte fünf Söhne: Johann Hubert, Heinrich, Hermann, Friedrich und Carl.

Als man 1923 die Produktpalette um untergärige Biere wie Pils, Export und Märzen erweiterte, wurde die „Obergärige Brauerei“ in „Brauerei Heinrich Reissdorf oHG“ umbenannt. Im Kriegsjahr 1917, als die Männer an der Front waren, leitete die Frau Friedrich Reißdorfs, Katharina, die Brauerei. Nach dem Zweiten Weltkrieg – die Brauerei war zu 90 Prozent zerstört – führen deren Söhne Hermann-Josef und Karl-Heinz Reißdorf das Unternehmen weiter. Der dritte Sohn, Heinrich, war 1936 tödlich in der Brauerei verunglückt. Trotz der widrigen Umstände gelang es den beiden Gesellschaftern bereits Mitte 1948, ein Einfachbier mit zwei bis vier Prozent Alkoholgehalt zu produzieren und in Flaschen abzufüllen.

Erstaunlich ist, dass das Kölner Nationalgetränk, also das obergärige Kölsch, bis Anfang der 1960er Jahre selbst auf dem Heimatmarkt eher ein „Nischenprodukt“ war. Untergärige Sorten wie Pils oder Export waren gefragt – und wurden von den Kölner Brauereien in großem Umfang produziert. Dazu kamen zahlreiche auswärtige Marken wie Dortmunder Union oder Münchener Löwenbräu, die auch am Rhein verbreitet waren. Fast jede Gaststätte führte neben ihrem Kölsch auch noch eine Pils- oder Exportmarke. Das Verhältnis von untergärigem zu obergärigem Bier war seinerzeit in Köln und Umland 80 zu 20.

Als dann der Trend zum Kölsch einsetzte, erkannte man bei Reissdorf diese Marktchance. Zwar wurde vorerst noch hauptsächlich untergärig gebraut, doch die steigende Kölsch-Nachfrage erzwang die Erweiterung der Braukapazität für obergäriges Bier. Der Umstellungsprozess, der sowohl die Rohstoffe als auch die Brautechnik betraf, erforderte einen hohen Kapitalbedarf. Andere Kölner Brauereien, die dem Kölsch-Boom nicht trauten oder die Kosten nicht tragen konnten, ließen ihr Kölsch bei Reissdorf im Lohnbrau-Verfahren herstellen.

Die Entscheidung, auf Kölsch zu setzen, statt in Konkurrenz mit den untergärigen Bieren zu bleiben, war von Erfolg gekrönt. Die „Privat-Brauerei Heinrich Reissdorf GmbH & Co. KG“, wie sie heute heißt, partizipierte an der guten Geschäftsentwicklung, woraus sich schließlich die Notwendigkeit ergab, die Produktionsstätte zu verlagern. 1996 erwarb man ein Gelände im Gewerbegebiet von Köln-Rodenkirchen. Die neue Brauerei wurde mit modernster Technologie ausgestattet, um weiterhin höchsten Qualitätsansprüchen gerecht zu werden.

Im September 2019 kann die Brauerei, die heute in der vierten Generation geführt wird und weiterhin mit großem Erfolg auf dem hart umkämpften Kölsch-Markt agiert, ihr 125-jähriges Bestehen feiern. (cm)

 

 

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