Tatort rheinischer Westerwald: Schmelztal

 

„Bringt sie bratfertig“

Die Autobahn A3 überquert bei Bad Honnef das Logebachtal, den Ort, an dem vor 32 Jahren der Bad Honnefer Fabrikant Wilhelm Brassel in einem PKW gefangen gehalten werden sollte. Während der Unternehmer schmachtete, sollte seine Familie ein Lösegeld von einer Million Mark herausrücken.

Von Hermann-Joseph Löhr

Im Juli 1982 entstand der Plan, den Bad Honnefer Unternehmer Brassel zu entführen und seine Familie zu erpressen. Bei der Durchführung lief dann aber nahezu alles schief. Der entführte Unternehmer war schwer herz- und zuckerkrank und verstarb bereits eine Stunde nach seiner Entführung. Die Täter zogen dennoch die Erpressung durch, ließen Ehefrau Lieselotte und die beiden Kinder Gabriele und Peter Brassel im guten Glauben, der Unternehmer lebe und sei in ihrer Hand.

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Peter Brassel (l.) hat in der Nähe der Servatiuskapelle einen Gedenkstein für seinen Vater Wilhelm aufstellen lassen. Wilhelm Brassel starb noch innerhalb der ersten Stunde seiner Entführung 1982.
Bild: H.-J. Löhr

Die Familie war bereit, alles zu tun, um den Vater und Ehemann zu retten. Bedingungslos stellte sie das geforderte Lösegeld und stimmte einer jederzeitigen Übergabe zu. Sohn Peter hatte keine Angst ums eigene Leben, er wollte den Gangstern das Lösegeld persönlich überbringen. Doch die Tage nach der Entführung wurden zum Martyrium. Stündlich sank die Hoffnung, dass Wilhelm Brassel noch lebte.

Bundesweit in die Schlagzeilen geriet der Entführungsfall durch den von TV und Radio ausgestrahlten Appell von Sohn Peter an die Entführer, seinen Vater unbedingt mit Insulin zu versorgen, da er sonst sterben müsse. Daraufhin meldeten sich 40 Trittbrettfahrer, die alle die Lösegeldsumme einstreichen wollten. Viel Zeit verstrich, weil das 24 Personen umfassende Sondereinsatzkommando der Bonner Kripo alle Meldungen verantwortungsvoll überprüfen muss. Und so wird der entführte Unternehmer, wenn auch schon verstorben, vorerst nicht gefunden.

Erst später ließ sich rekonstruieren, wie es zu der Tragödie kam: Am 30. Juli 1982 treffen sich je zwei in Königswinter lebende junge Türken und Pakistani auf einer Baustelle an der Bad Honnefer Hauptstraße mit einem 26-jährigen Kurden, der dort als Schwarzarbeiter an einem Neubau direkt neben der Villa des Bad Honnefer Fabrikanten und Konservenabfüllers Wilhelm Brassel werkelt. Die vier Tatwilligen versprechen ihrem Kumpel 100.000 DM aus der Beute. Dafür soll er die Familie des Fabrikanten nach der Entführung anrufen, da er am besten deutsch spreche.

Der Kopf der Gruppe hatte zuvor in der letzten Juliwoche den Tagesablauf des Fabrikanten ausspioniert und festgestellt, dass Brassel werktags stets dasselbe Ritual ausführte. Er verließ immer zur gleichen Zeit seine Villa, stieg allein in seinen silbernen Mercedes und fuhr pünktlich um 9 Uhr in der 2,6 km entfernt liegenden Konservenfabrik in der Bad Honnefer Karlstraße vor.

Am Mittwoch, 4. August, treffen sich die fünf Täter in Königswinter am Berliner Platz und fahren im blauen Ford des Anführers ins Schmelztal. Hier legen sie den Ort fest, an dem der PKW nahe der Logebachtalbrücke stationiert werden soll, um darin Wilhelm Brassel gefangen zu halten. Als der Fabrikant am nächsten Morgen zur Arbeit fährt, setzt sich sein Entführer frech auf den Beifahrersitz und zwingt den zuckerkranken Brassel schließlich in Richtung Schmelztal abzubiegen.

Unterwegs muss der Entführer aber nahe der Servatiuskapelle mit seinem Opfer stoppen, dem von Angstzuständen und Atemnot geplagten Fabrikanten geht es bereits zunehmend schlechter. Brassel wird gefesselt und in den Wald geführt. Auf dem Weg sackt er in sich zusammen und stirbt kurz danach an Herzversagen.

Brassels Leiche schleift der Entführer in einen Graben und deckt sie mit Farn und Tannenzweigen ab. Danach sucht er seine Kameraden an der verabredeten Stelle auf und berichtete von den Vorfällen. Zu fünft geht es mit dem Ford auf schnellstem Weg nach Königswinter, wo sie der Polizei, die gerade die Unterkunft eines der Täter nach Diebesgut durchsucht, fast in die Arme laufen.

Den Polizeieinsatz überstehen sie ohne sich im Entführungsfall zu verraten und so macht die Gruppe weiter, stellt die Lösegeldforderung und verlangt eine Million Mark. Tatsächlich aber telefonieren die Verbrecher allerdings nicht mit der Unternehmerfamilie, sondern mit einer namensgleichen Elektrikerfamilie, die als einzige im Honnefer Telefonbuch steht. Die Handwerkerfamilie schaltet daraufhin die Polizei ein, die schon am Morgen von Peter Brassel über das Verschwinden seines Vaters informiert wurde.

„Geld hinter Mutter Gott“

Die Polizei baut sofort den gesamten Fahndungsapparat auf. Eingehende Anrufe werden mitgeschnitten und umgeleitet. Am Abend wird der Mercedes des Unternehmers von einem Jogger auf einem Weg im Ittenbacher Wald entdeckt. Spätestens jetzt ist klar, dass sich Wilhelm Brassel in fremder Hand befindet.

In der Nacht zum 8. August steht schließlich die Lösegeldübergabe an. In Königswinter warten zwölf Beamte des Mobilen Einsatzkommandos aus Köln in Autos gut getarnt auf ihren Einsatz. Sie tragen Panzerwesten, halten Präzisionsgewehre griffbereit und haben Restlichtverstärker dabei, die nächtliche Ziele aufhellen sollen. 90 Polizisten stehen abrufbereit in Reserve. Ein Einsatzleiter der Zentrale gibt den Einsatzbefehl: „Bringt uns den Täter bratfertig“ heraus. Der Kidnapper soll, das beinhaltet dieser Polizeijargon, nach seiner Festnahme unbedingt noch vernehmungsfähig sein. Denn im Fall Brassel hat es die Polizei eilig. Wilhelm Brassel benötigt täglich Insulin. Ohne dieses Medikament, das haben die Ärzte der Polizei klargemacht, werde Wilhelm Brassel den 8. August nicht überleben.

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Unternehmer Wilhelm Brassel anno 1972

Um 1.40 Uhr nachts verlangt der Entführer telefonisch: „Geld hinter Mutter Gott.“ Peter Brassel, soll um 3.10 Uhr an einer Madonnenfigur vor dem Krankenhaus Königswinter den Lösegeldkoffer deponieren – was er auch tut. Doch zu diesem Zeitpunkt gibt es laut Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ zwischen Polizeipräsidium und dem MEK keine Funkverbindung mehr. Die Kölner MEK-Truppe will allein operieren, obwohl sie nur dürftige Ortskenntnisse besitzt.

Die Folgen sind gravierend: 84 Minuten nach dem vereinbarten Übergabetermin erscheint an der Marienstatue ein junger Mann, nimmt den Koffer und läuft in Richtung Rhein. Aber die Festnahme scheitert. Die in der Nähe postierten MEK-Beamten reagieren nicht, zwei weitere laufen dem Unbekannten hinterher. Dieser schleudert den Geldkoffer unter ein parkendes Fahrzeug und verschwindet im Petersgässchen, einem zwei Meter breiten Durchgang zwischen den Häusern.

Die Fahnder schießen in dem Gässchen auf den Flüchtenden. Weil der sich beim Weglaufen sein Hemd auszieht und um den rechten Arm wickelt, sucht die Polizei irrtümlich nach einem Verwundeten. Der Täter findet daraufhin Unterschlupf im Asylantenwohnheim, dem ehemaligen Hotel „Düsseldorfer Hof“, das kurz darauf von mehr als hundert Beamten durchsucht wird. Der Täter kann aber nicht ermittelt werden, weil entgegen der Kriminalistenroutine vergessen wurde, den Griff mit dem rotfärbenden Mittel Fuchsin zu präparieren. Trotzdem werden mehrere Ausländer ins Polizeipräsidium gebracht, darunter auch der Täter. Doch weil die Beamten es versäumen, seine Stimme mit den Tonbandaufzeichnungen zu vergleichen, wird er schließlich als „Trittbrettfahrer“ eingeordnet. Erst fünf Tage später gesteht der türkische Kurde, zusammen mit mehreren Kumpanen die Tat geplant und ausgeführt zu haben. Wilhelm Brassel ist zu diesem Zeitpunkt lange tot.

Rund eineinhalb Jahre später, am 6. März 1984, verurteilt die zweite große Strafkammer des Landgerichts Bonn als Jugendkammer die fünf Täter wegen gemeinschaftlichen erpresserischen Menschenraubes sowie zwei von ihnen zusätzlich wegen räuberischer Erpressung.

 

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