Das große Wunder am Siebengebirge

Selbst die Bonner Zeitung berichtete am 16. März 1878 über das große Wunder am Siebengebirge. In der Unteren Mühle zu Rheinbreitbach besuchen tausende Bürger, selbst von der anderen Rheinseite kommend, die „stigmatisierte Jungfrau von Lutzerath“, eine zugezogene Nichte des örtlichen Müllers. „Rheinbreitbach wird jetzt berühmt und die Drachenfelser Eselchen werden alsbald sein Stillleben durch ihr melodisches I-a-i-a unterbrechen!“ kommentierte die Bonner Zeitung. Doch am Ende entpuppte sich alles als großer Schwindel.

Von Hermann-Joseph Löhr

Die heute verschwundene „Untere Mühle“ lag in der Nähe des Rheinbreitbacher Hausbergs „Koppel“. Die Müllerin, die gebürtige Linzerin Maria Weiler, starb im Mai 1877. Müllermeister Peter Weiler suchte für seine zehn und acht Jahre alten Töchter eine neue Mutter und nahm aus seiner Lutzerather Heimat in der Eifel die 24-jährige Tochter seines Bruders als Haushälterin in die Mühle auf.

Mühle

Die untere Mühle in Rheinbreitbach (um 1938)
Bild: Archiv H.- J. Löhr

Nichte Anna Maria galt in Rheinbreitbach bald als ein sehr frommes Mädchen. Oft verweilte sie nach dem Gottesdienst noch in der Kirche, betete am Muttergottesaltar. Öfters kniete sie sogar mit ausgebreiteten Armen vor der Statue der Gottesmutter. Viele im Dorf sagten bald: „Sieh mal, was Müllermeister Weiler für eine fromme Nichte in seinem Haus hat!“

Winzersohn Josef Westhofen kehrte in der Woche vor Weihnachten aufgeregt nach Hause und rief in die gute Stube: „Denkt mal, das Anna Mariechen aus der Mühle hat die Muttergottes gesehen! Und sie hat ihr gesagt, sie würde öfters wiederkommen!“ Die ganze Familie Westhofen staunte, nur Vater Heinrich Westhofen sagte barsch: „Dummheit, so etwas glaube ich nicht!“ Josef aber ließ sich nicht einschüchtern: „Doch! Doch!“ widersprach er, „die Muttergottes hat ihr auch offenbart, sie bekäme in der nächsten Fastenzeit die heiligen fünf Wunden!“ Vater Heinrich widersprach: „Das ist nicht die Wahrheit, so eine Person hält unser Gott dafür nicht würdig, das weiß ich!“

Der dreizehnjährige Sohn Heinrich konnte mit Vaters Hinweis allerdings wenig anfangen. Später erfuhren die Westhofen-Kinder aber, dass ihr Vater etwas gesehen hatte, was für ihn nicht zum Anstand gehörte. Es soll passiert sein, als er Korn zur Unteren Mühle gebracht hatte.

Doch Westhovens Zweifeln zum Trotz sprach bald ganz Rheinbreitbach von der begnadeten Maria Weiler. Und am ersten Freitag in der Fastenzeit passierte das Unglaubliche. Die Muttergottes mit dem Jesus-Kinde erschien der Anna Maria. Prompt hatte sie am Körper die fünf Wunden Christi.

Die Brüder Heinrich und Christoph Westhofen als auch ihr Nachbar Leonhard Krähmer sprachen sich öffentlich gegen das Frömmlertum der Anna Maria und gegen das von ihr angekündigte Wunder aus. Sie wiesen auf den Heiligen Franz hin, dessen Stigmata ohne sein Zutun in die Öffentlichkeit gelangt seien. „Und bei uns spricht die junge Anna Maria schon ein halbes Jahr zuvor davon! Wir wollen abwarten!“ bekräftigten sie. Zu gut erinnerten sie sich an den Schwindel im saarländischen Marpingen 1876 (siehe Infokasten links unten).

Das Trierer Sanct-Paulinus-Blatt für das deutsche Volk“ berichtete derweil von der „Wundermühle Rheinbreitbach“ Viele Bürger pilgerten zur Mühle, um Anna Maria zu sehen. Wegen des enormen Andrangs ließ Müller Weiler die Gläubigen nur noch in Abteilungen von jeweils sechs Personen ins Haus hinein.

Auch Ursula Westhofen wurde von Nachbarn aufgefordert, zu Anna Maria zu gehen. Als sie zurückkam, erzählte sie den Geschwistern: „Zwei Männer ließen uns unten ein, dann ging es durch den Hausflur in der Mühle die Treppe hinauf, oben in der Kammer rechts nach der Straße zu lag das Mädchen im Bett. Beim Eintreten nahmen alle an der Tür aus einem hierfür aufgestellten Behälter Weihwasser und besprengten sich, dann knieten sie nieder und beteten. Anna Maria hatte gerade nach Aussage ihres Onkels die Leidensstunde. Sie lag in seinen Armen, er stand neben dem Bett und tröstete die Nichte: ‚Oh Maria, alles zur Ehre Gottes. Oh Maria, denke an die Muttergottes, alles Gott zu Ehren!‘“

Anna Maria aber habe sich im Bett gekrümmt und schmerzlich gestöhnt, dabei habe sie sich an ihre Hände und Füße gegriffen. „Als sie etwas ruhiger wurde, zeigte uns der Müllermeister ihre Wunden auf den Händen und den Füßen. Die Wunden waren nur an der inwendigen Seite. An den Fußsohlen war nichts zu sehen!“ Müllermeister Weiler habe den Besuchern gesagt, wenn keine Männer unter ihnen wären, würde er auch Anna Marias Seitenwunde zeigen.

Dann hätten alle wieder gehen müssen, denn um die ganze Mühle herum hätten viele Menschen ausgeharrt, die die Stigmatisierte auch sehen wollten. Oben an dem Ausgang standen zwei andere Männer, welche sie hinaus ließen. Viele Besucher gingen dann zum Koppelsbrunnen und füllten sich in Flaschen heilbringendes Wasser ab.

Geradezu euphorisch berichtet die Siegburger Zeitung in dieser Zeit auf dem Titel: „Da kommen wir doch endlich auch einmal an die Reihe in unserer ländlichen Einsamkeit in Rheinbreitbach. Wir haben jetzt eine auch eine Stigmatisierte. In der hiesigen Mühle ist das Wunder ausgebrochen. Die 18-jährige begnadete Jungfrau mit Namen Maria hat am vorigen Freitag für Jedermann, der es sehen wollte, aus fünf Wunden geblutet, wird es aber hoffentlich mit Gottes Hilfe dazu bringen, auch an anderen Wochentagen zu bluten.“ Die Begeisterung sei groß, „der Zudrang von Pilgern großartig, wir haben beste Aussicht, ein stigmatisierter Kurort ersten Ranges zu werden!“ schließt der Korrespondent.

Doch daraus wurde nichts. Die königliche preußische Staatsanwaltschaft in Neuwied schickte alsbald Gendarmen nach Rheinbreitbach. Am 22. März 1878, dem dritten Fastenfreitag fuhr die Gerichts-Chaise vor. Gegen 15 Uhr klopften Beamte des Neuwieder Amtsgerichts an die Tore der Mühle, drückten die Pilger zur Seite und verhafteten die „Stigmatisierte“ Anna Maria samt ihrem Onkel.

Auf der Fahrt zum Gefängnis gingen vor und hinter der Kutsche je zwei Gendarmen mit aufgepflanzten Gewehren. In der Rheinbreitbacher Korfgasse wurde ein Pflasterstein gegen die Gendarmen geschleudert. Ein Wachtmeister machte daraufhin kehrt und sagte: „Ihr lieben Leutchen, nehmt doch Vernunft an, wenn das bei dem Mädchen auf Wahrheit beruht, so bekommt ihr es bald wieder. Ich hätte ja das Recht, auf euch zu schießen, würde aber dann doch den Richtigen nicht treffen, also verhaltet euch ruhig!“ An der Kapelle im Ort soll die alte Kutsche sogar umgeschlagen sein und das Volk habe gerufen: „Das ist ein Zeichen von Gott!“

Im Neuwieder Gefängnis musste der Kreisphysikus, der staatliche Gesundheitsbeamte, auf Anordnung des Richters die „heiligen Wundmale“ des Mädchens untersuchen. Er stellte fest, dass es sich lediglich um Hautabschürfungen und Rötungen handelte. Sie verheilten während der ersten Tage in der Frauenarrestanstalt. Der somit festgestellte Betrug am gläubigen Gottesvolk führte zum Gerichtsprozess.

Dieser fand am Mittwoch, 8. Mai 1878, statt. Das Königlich Preußische Gericht urteilte noch am selben Tag. Weilers Anwalt plädierte auf Freispruch. Er führte aus, man könne sich in Preußen beschneiden lassen, sich selbst geißeln oder kasteien, darüber gäbe es keine gesetzlichen Bestimmungen. Der Richter verurteilte Anna Maria Weiler dennoch wegen religiösen Unfugs und Verursachung eines Volksauflaufs in Rheinbreitbach zu drei Monaten Haft. Müllermeister Peter Weiler erhielt ebenfalls eine Gefängnisstrafe, weil er den Betrug gedeckt hatte. Beiden wurde der mehrwöchige Gefängnisaufenthalt seit der Verhaftung mit einem Monat angerechnet.

Später starb Müllermeister Peter Weiler in Rheinbreitbach völlig verarmt. Die „stigmatisierte Jungfrau“ Anna Maria soll in ein Kloster gegangen sein.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.