Marken des Alltags: Kuschelrock


Das Mixtape für den Klammerblues

Ein bundesrepublikanischer Partykeller Ende der 1980er Jahre. Schummriges Licht, die Wände mit Postern dekoriert, in einer Ecke ein paar alte Matratzen, die zum betont coolen Herumlungern einladen. Cool sind die jugendlichen Protagonisten gerade nicht: Schüchterne Jungs und Mädchen versuchen sich am Klammerblues, während Richard Sandersons „Reality“ läuft. Auf der Kassettenhülle der Schriftzug „Kuschelrock 2“. So erinnert sich RWN-Markenexperte Christof Mönchhalfen an sein erstes Erlebnis mit den Kuschelrock-Samplern.

Die Älteste und die Neueste: Kuschelrock ist seit mehr als 30 Jahren eine Erfolgsgeschichte.
Bilder: Sony

 

Von Christof Mönchhalfen

Am 23. November 1987 veröffentlichte CBS – Columbia Records die erste Kuschelrock- Kompilation. Man konnte die 36 Titel wahlweise in Form von drei Langspielplatten, zwei Musikkassetten oder zwei CDs erwerben. Letztere hatten den Vorteil, dass man immerhin 18 Songs lang am Stück kuscheln konnte, ohne den Tonträger umdrehen oder wechseln zu müssen.

Man hasst sie oder liebt sie

Den Namen „Kuschelrock“ hatte ursprünglich Thomas Koschwitz erfunden. Als Moderator des Hessischen Rundfunks spielte der spätere RTL-Late-Night-Talker in den 1980ern regelmäßig zu fortgeschrittener Stunde Liebeslieder. Daraus entstand schließlich die wöchentliche Musiksendung „Kuschelrock“ bei hr3. Weil CBS, seit 1988 Tochter der Bertelsmann Music Group (heute Sony Music), sich den Namen sichern ließ, konnte hr3 die Sendung nicht weiter ausstrahlen.

Kuschelrock ist ein Mythos wie etwa der FC Bayern München. Man hasst oder man liebt die Album-Reihe. Dazwischen gibt es keine Grauzonen. Kritiker sagen, der Name sei ja ein Widerspruch in sich – Rockmusik zum Kuscheln, Rockmusik für Leute, die eigentlich keine Rockmusik mögen. Allerdings sollte man bedenken, dass es ja durchaus das Genre der Power- oder auch Rockballaden gib. Man denke an „Nothing Else Matters“ von Metallica oder „November Rain“ von Guns N’ Roses. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen.

Echten Rockfans werden die Kuschelrock-Alben allerdings weiterhin ein Dorn im Auge – oder vielmehr im Ohr – sein. Und hierbei sind beileibe nicht nur die männlichen Rocker gemeint, sondern mitunter auch die weiblichen: Immer wieder soll es vorkommen, dass sich anbahnende Beziehungen platzen, weil Sie in Seinem Regal Kuschelrock-CDs entdeckt hat. Im Prinzip jedoch wird bis heute nicht an dem (Vor-)Urteil gerüttelt, Kuschelrock sei Mädchenmusik. Und tatsächlich sprechen die glücklich verliebt dreinblickenden jungen Paare auf dem Cover wohl eher die weibliche als die männliche Klientel an. Aber: Die meisten Kuschelrock-CDs werden von Männern gekauft. Vermutlich als Geschenk für die Liebste – oder um diese für sich gewinnen zu können.

Wie dem auch sei – mit der Kuschelrock-Edition feiert Sony seit mehr als 30 Jahren Chart-Erfolge – auch im digitalen Zeitalter. Die Kuschelrock Volumes 1 bis 14 wurden aufgrund der großen Nachfrage 2004 als Neuauflage wieder veröffentlicht.

Bleibt die Frage, welche Titel warum auf einer Kuschelrock-CD vertreten sind. Sony Music richtet sich dabei einerseits nach Chart-Platzierungen, andererseits aber auch nach den Wünschen, die von Fans der Reihe auf www.kuschelrock.de geäußert werden. Besonders einfach ist es, wenn die Künstler bei Sony unter Vertrag sind. In allen anderen Fällen muss mit der Konkurrenz verhandelt werden.

Im September 2018 erschien, knapp 31 Jahre nach Einführung der Sampler-Reihe, Kuschelrock Volume 32 mit mehrseitigem Booklet – die neueste „Doppel-CD der Liebe“.

 

 

 

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