Tatort rheinischer Westerwald: Brücke von Remagen

 

Der Verrat, der keiner war

Als das „Wunder von Remagen“ ging die kampflose Eroberung der relativ unbeschädigten Ludendorffrheinbrücke zwischen Erpel und Remagen am 7. März 1945 durch die amerikanische Armee in die Geschichte ein. Die Eroberung der Brücke erleichterte den weiteren Vormarsch der Alliierten deutlich und verkürzte den Kriegsverlauf um Monate. Der Anti-Hitler-Koalition eröffnete sich unverhofft der militärische Weg ins Zentrum Deutschlands.

Von Hermann-Joseph Löhr

ür die deutschen Wehrmachtsmajore Hans Scheller, August Kraft, Herbert Strobel, für Hauptmann Willi Bratge und Oberleutnant Karl Heinz Peters bedeutete der Verlust der Brücke allerdings die Verurteilung zum Tode. Hauptmann Bratge wurde in Abwesenheit abgeurteilt. Die anderen vier Offiziere wurden in der zweiten Märzwoche 1945 in den beschaulichen Westerwalddörfern Rimbach und Oberirsen bei Altenkirchen von der eigenen Wehrmacht erschossen. Ein Gedenkstein in Oberirsen mit einer bronzenen Plakette erinnert an den sinnlosen Tod der deutschen Soldaten.

Remagen-Erpel 1919.jpg

Die Ludendorff-Brücke kurz nach ihrer Fertigstellung zum Ende des ersten Weltkriegs

Nach dem fluchtartigen Rückzug der Wehrmacht aus Frankreich 1944 wurden sämtliche wichtigen Rheinbrücken zerstört – bis auf die von Remagen. Die Brücke zwischen Erpel und Remagen wurde im Ersten Weltkrieg verspätet erst 1918 fertiggestellt. Sie war Teil eines Planes des ehemaligen Chefs des preußischen Generalstabes, Graf von Schliefen. Er wollte drei Rheinbrücken, in Rüdesheim und Neuwied-Engers, um die deutschen Truppen rasch in den Krieg gegen Frankreich führen zu können. Die 325 Meter lange Remagener Brücke wurde mit der Ahrtalbahn verbunden.

Nach der Invasion der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 flogen die Alliierten ständige Angriffe auf alle Rheinbrücken. Für die Menschen, die in ihrer unmittelbaren Umgebung lebten, hatte das dramatische Folgen. Die schwersten Angriffe erlebten alle Bürger, die in unmittelbarer Nachbarschaft der Brücke wohnten zum Ende des Jahres 1944 und Anfang 1945. Nicht selten wurde in den Bombennächten, denen zahlreiche Zivilisten und Soldaten der „Brückensicherungskompanie“ zum Opfer fielen, die Brücke verflucht.

Ab Ende Februar strömten deutsche Soldaten aus dem Eifelraum in Richtung Westerwald. Tausende Truppen wollten auf ihrem Rückzug vor den Alliierten die Brücke überqueren. Am 6. März wurde die Ludendorffbrücke dennoch von deutschen Pionieren für die Sprengung vorbereitet, die US-Truppen sollten nicht auch übersetzen können.

Allerdings war bereits fünf Jahre zuvor die gesamte, vorsorglich mit eingebaute Zerstörungsanlage mitsamt Zündern, Spezialkabeln und Zinkbehältern für den Sprengstoff aus den Schächten unterhalb der Brücke ausgebaut und in einem Munitionsdepot nahe Darmstadt deponiert worden, auch 600 Kilo Sprengstoff. Als nun 1945 die Sprengung der Brücke vorbereitet werden sollte, waren die entsprechenden Vorrichtungen verschwunden. Sie mussten anhand alter Pläne eilends rekonstruiert werden.

Der Sprengstoff wurde schließlich erst in letzter Minute am Mittwoch, 7. März 1945 geliefert, in Quantität und Qualität unzureichend. Die Pioniere erhielten nur die Hälfte des notwendigen Sprengstoffs. Am 6. März wurde die Brücke dem Kommando von Major Scheller unterstellt, der erst am 7. März, einem diesigen und regnerischen Tag, zwischen 10 und 11 Uhr in Remagen eintraf.

7.3.1945, 15.20 Uhr: Befehl zur Sprengung

Für den Schutz der Ludendorffbrücke standen nur wenige Soldaten zur Verfügung. Die Flakhelfer, vor allem jugendliche Schüler und Lehrlinge, erhielten den Befehl ihre Stellungen zu verlassen und nach Hause zurückzukehren. Scheller wollte die Brücke auf der linken Rheinseite weiter verteidigen, um sie für den Übergang von weiteren Truppenteilen offenzuhalten. Seine Bemühungen, ausreichend Soldaten für die Sicherung der Brücke zusammenzuziehen, scheiterten. Die Brückensicherungskompanie geriet in Gefangenschaft, nicht wenige Soldaten waren bereits untergetaucht.

admin-ajax.php

Heimatforscher Folker Katzwinkel am Gedenkstein in Oberirsen. Dieser erinnert an die vier unschuldig wegen Verrats zum Tode verurteilten deutschen Soldaten.
Bild: Löhr

Als sich die Amerikaner immer weiter näherten, wurde gegen 15.20 Uhr schließlich der Befehl für die Sprengung gegeben. Aufgrund eines Defekts der elektrischen Zündleitung, der wahrscheinlich bei dem Beschuss der Brücke entstanden war, detonierte die Sprengladung aber nicht. Auch der Versuch, die Brücke durch die Schnellladung zu zerstören, scheiterte. Diese Sprengladung war zu schwach. Die Brücke wurde lediglich etwas angehoben und fiel dann ohne größere Schäden in ihre Lager zurück. So fiel die einzige von deutschen Pionieren noch nicht gesprengte Rheinbrücke am 7. März 1945 den US-Kriegstruppen in die Hände.

Amerikanische Panzer und Bodentruppen setzten flugs über die Eisenbahnbrücke über und bildeten einen Brückenkopf Richtung Aegidienberg, Königswinter, Unkel, Linz und Rheinbrohl. Diese Brückeneroberung ging als das „Wunder von Remagen“ in die Annalen der Kriegsgeschichte ein. US-General Eisenhower rief aus: Die Brücke ist ihr Gewicht in Gold wert.“

Durch den Film „Die Brücke von Remagen“ kennen viele die Dramaturgie um den Kampf- und Tatort. Weniger bekannt wurde, dass auf Hitlers persönlichen Befehl die deutsche Wehrmacht ein „Fliegendes Standgericht“ bildete wegen des Verlustes der Brücke. Hitler vermutete hinter den Ereignissen an der Ludendorffbrücke Verrat. Vom 11. bis 13. März tagte dieses Schnellgericht in Rimbach und Oberirsen und verurteilte fünf Offiziere um Major Scheller zum Tode.

Vier Verurteilte wurden in dem Wäldchen von Oberirsen und Rimbach nahe der heutigen Grenze zwischen NRW und Rheinland-Pfalz erschossen. Der fünfte Offizier war bei der Eroberung der Ludendorffbrücke in amerikanische Gefangenschaft geraten und damit dem sicheren Tod entkommen.

An diesem Tatort im rheinischen Westerwald nahe Altenkirchen hat die Ortsgemeinde einen Gedenkstein errichtet. Die Verhandlungen gegen die Soldaten wurden in Rimbach und in Oberirsen durchgeführt. Leiter war der nationalsozialitische Führungsoffizier Generalmajor Rudolf Hübner, der das sogenannte „Fliegende Standgericht West“ als Oberster Richter führte. Hübner hatte hierzu von Hitler persönlich Vollmachten und Freiheiten erhalten, wie es sie in der Kriegsgeschichte noch nie gegeben hatte.

Die Beisitzer während der Kriegsgerichtsverhandlungen waren Oberstleutnant Anton Ehrnsperger und Oberstleutnant Paul Penth, alle drei Männer waren überzeugte Nationalsozialisten. Der Leiter des Standgerichts war gleichzeitig Gerichtsherr, auch Berufungsinstanz; leitete die Ermittlungen, führte den Vorsitz, bestätigte das Urteil und entschied über dessen Vollstreckung. Ein Gnadenrecht gab es nicht.

Heute bestehen keinerlei Zweifel daran, dass die Offiziere der Remagener Brücke unschuldig hingerichtet wurden. Auf Initiative von Lisel Scheller-Gottschalk, Witwe des Major Schellers, ermittelte die Staatsanwaltschaft Koblenz zunächst Jahre lang gegen die Mitglieder des „Fliegenden Standgerichts“ wegen „Verbrechens gegen die Menschlichkeit“. 1951 stellte sie das Verfahren mangels „Schuldnachweis“ ein. Lisel Scheller-Gottschalk aber gab nie auf. In einem Wiederaufnahmeverfahren, das sie beim Landgericht Landshut angestrengt hatte, erging im Februar 1967 der Freispruch für den ermordeten Major Scheller.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.