Mit Menschen: Gerhard Schönerberg

 

Dieser Mann hat Benzin im Blut

Gerhard Schöneberg ist seit fast 50 Jahren vom Rennfieber gepackt. Erst im vergangenen Sommer wurde sein neuestes Prachtstück fertig.

Schöneberg heute mit seiner Frau Magarethe und als junger Mann auf der Rennstrecke
Bilder: Robert Reuter/privat

Der heute 80-jährige Ex-Unternehmer war schon immer gerne auf Feuerstühlen unterwegs, seit den 1970er Jahren startete er auch bei Rennen. Damals ging es richtig los mit dem Oldtimerrennsport, Schöneberg lernte den Nürburgring genauso kennen wie den Hockenheimring und viele andere Rennstrecken. „Das war für mich eine völlig andere Welt, die mich nie mehr losgelassen hat. Ich war Laie auf dem Gebiet und stand plötzlich in einer Startreihe mit Rennsportlegenden wie zum Beispiel dem Vizeweltmeister von 1956, Walter Zeller.“

Schöneberg war nun infiziert und schraubte, wann immer es ging, an seiner 1938 in England gebauten Rudge Ulster. „Die war mir aber bald zu langsam“, erinnert er sich schmunzelnd, „und so habe ich mich nach etwas anderem umgeschaut.“ Es wurde eine der legendären Norton Manx, wieder aus England, und eines der berühmtesten Rennmotorräder der Geschichte. „Es war schon damals nicht leicht, ein solches Motorrad zu ergattern“, erinnert er sich, „dementsprechend teuer war sie auch.“ Mit der Neuerwerbung startete Schöneberg nun in der Klasse der Nachkriegsmotorräder, doch erwies sich der 500-Kubik-Einzylindermotor nicht als besonders standfest. „Immer wieder ist etwas kaputtgegangen, und richtig schnell war die Maschine auch nicht. Ich wollte aber gewinnen.“

Was nun kam, ist eigentlich etwas für Spezialisten, denn Schöneberg erschuf mit eigenen Händen einen fast völlig neuen Motor. Die Möglichkeiten waren vorhanden, denn in seinem mittelständischen Maschinenbau-Betrieb im Asbacher Gewerbegebiet standen die nötigen Maschinen für die Metallbearbeitung. „Die Norton Manx hat serienmäßig einen Zweiventil-Motor, ich habe einen völlig neuen Zylinderkopf gebaut – mit vier Ventilen. Angetrieben werden sie von einer Desmodromik, wie man sie auch von Ducati-Motorrädern kennt. Auch die habe ich selbst konstruiert und eigenhändig angefertigt.“

Schönebergs Eigenkreation sorgte für viel Interesse, sogar die Oldtimerpresse kam vorbei und verfasste lange Artikel. Besonders schön war für den rennsportbegeisterten Fan jedoch, dass seine Norton Manx nun mit den schnellsten Maschinen seiner Klasse mithalten konnte. „Rund 50 PS hat die Serien-Manx, meine Maschine hat etwa 75 PS.“ Berühmte Fahrerkollegen wie John Surtees, der einst sowohl auf dem Motorrad als auch in einem Formel-1-Auto Weltmeister wurde, standen andächtig vor Schönebergs Prachtstück und gratulierten. Bis ins neue Jahrtausend hinein startete er auf der „Schöneberg-Manx“, wie sie alsbald ehrfurchtsvoll genannt wurde, bis das Alter seinen Tribut forderte und er die Renn-Lederkombi an den Nagel hing.

Zu Ende ist die Geschichte damit aber noch nicht. Auch mit 80 Jahren hat man noch Träume, und Schönebergs Wunschtraum war es immer, sich noch ein ganz spezielles Motorrad komplett selbst zu bauen. „Mich hat die Honda-Weltmeisterschaftsmaschine von 1966 immer sehr fasziniert. So was kann man natürlich nicht kaufen, und so habe ich sie nachgebaut.“ Kaum zu glauben: Schöneberg entwarf einen eigenen Rahmen, baute einen Serienmotor im Stil der Rennmaschine auf und sorgte bei den unzähligen Details dafür, dass man die wunderschöne Rennmaschine vom Original kaum unterscheiden kann. Pünktlich zum 80. Geburtstag wurde sie fertig.

Ob sein neuester Streich einmal bei einem Oldtimer-Rennen zu sehen sein wird, steht allerdings in den Sternen. Er selbst will nicht mehr auf die Rennstrecke, jedoch gibt es Interessenten genug, die auf dem Prachtstück gerne starten würden. Bestens in Schuss sind alle seine Maschinen, wovon sich der Edelschrauber manchmal auch praktisch überzeugt. Dann wird ein Anschieber herbeigerufen, Schöneberg lässt die Kupplung schnalzen und aus den ungedämpften Auspuffrohren entweicht infernalischer Motorensound. Die Menschen in Asbach kennen das schon. „Hört mal, der Gerhard hat wohl wieder ein Motorrad fertig.“ (rr)

 

 

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