Körper Pitter, der Seher von Erl

„Steck den Kopf nicht aus dem Fenster heraus, ohne dir ein eisernes Döbben aufzustülpen!“ warnte im 18. Jahrhundert der Erler Landwirt und Prophet Johann Peter Knopp den Bürger Hubert Reuffel aus Linzhausen. Reuffel hatte ihn zuvor einen Lügner genannt. Ein Vorwurf, mit dem der vermeintliche Hellseher Knopp oft leben musste. Doch über 30 Jahre später erlebte Reuffel tatsächlich den Tag, an dem er seinen Kopf mit einem Kochtopf, einem eisernen Döbben schützte.

Von Hermann-Joseph Löhr

Kapelle Erl

Erl wurde im 18. Jahrhundert zum Ziel zahlreicher Pilger. Grund dafür war aber weniger der Heilige Antonius von Padua, dem in der Obererler Kapelle gedacht wird, sondern vielmehr die Weissagungen des Körper Pitter.
Bild: Löhr

Im Jahr 1794 lieferten sich französische Soldaten ein heftiges Scharmützel mit österreichischen Truppen zwischen Kasbach und Linzhausen. Hubert Reuffel war auf den Dachboden des elterlichen Hauses geklettert, um sich das Gefecht anzuschauen. Und da die Kugeln durchs Dorf flogen wie Hagelkörner, stülpte sich Hubert Reuffel schnell einen eisernen Kochtopf über den Kopf, ehe er weiter aus der Dachluke spähte. Da fiel ihm die Prophezeiung des Sehers von Erl wieder ein. Reuffel gab sie abends am Stammtisch zum Besten.

Obererl, Höhenort der Rheintalgemeinde Kasbach-Ohlenberg war im 18. Jahrhundert eine begehrte Pilgerstätte. Weniger, weil die Menschen im Rheinland am schön gelegenen Historischen Bildstock des Heiligen Antonius von Padua in Obererl beten wollten, sondern sie suchten die Begegnung mit dem Seher von Erl, dem Bauern Johann Peter Knopp, auch Körper Pitter genannt.

Knopp war mit dem Lauf der Gestirne vertraut und sagte zuverlässig das Wetter drei, vier Tage zuvor vorher. Er schien jedoch auch die Gabe zu haben, weit voraus in die Zukunft zu schauen. Knopps Weissagungen verbreiteten sich in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts im Rheintal sehr schnell, weit über die Grenzen von Kasbach-Ohlenberg hinaus. Der Seher äußerte sich öffentlich im Wesentlichen in den Jahren 1760 bis 1784.

Knopps Vorhersagen betrafen Kriege Preußens und die Auswirkungen der französischen Revolution von 1789 im Rheinland. Er sagte beispielsweise die Schlacht von Kircheib voraus, „die Franzosen werden den Rhein überqueren, aber nur bis Kircheib kommen…“. Dies traf 1796 auch zu.

Auch mit der Entwicklung der Technik setzte sich der Prophet auseinander. Knopp sagte 1760, noch vor Erfindung der Dampfmaschine voraus, dass Schiffe ohne Pferde den Rhein heraufkommen würden und das Treideln überflüssig werden würde. Auch kündigte er um 1770 an, dass Wagen ohne Pferde mit grillenden Tönen am Rhein durchs Ahrtal laufen würden (Eisenbahnen). Bekanntlich fuhren Eisenbahnen nahe Linz erst um 1850. Seine Weissagungen trafen zu für die Zeit um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert.

Gesammelt wurden auch viele persönliche Schicksalsvorhersagen. So begegnete Johann Pitter Knopp dem Linzer Fuhrunternehmer Pütz mit den Worten: „Pütz, richte Dich auf eine längere, mehrere Monate dauernde Reise ein!“ Fuhrmann Pütz wusste mit dieser Vorhersage nichts anzufangen, bis er wenige Tage später den Auftrag erhielt, Wein in eine entlegene Gegend Richtung Süden zu transportieren – eine Tour, von der er erst nach Monaten zurückkehrte.

Hochwasser an der Sieg vorhergesehen

Und ohne dass die Heimkehr des Fuhrmannes in Linz angekündigt war, trat Johann Pitter abends ins Haus der Fuhrunternehmers ein und bat dessen Ehefrau, ihm ganz früh am nächsten Morgen eine Buttersuppe zuzubereiten, er wolle ihrem Mann entgegen gehen, der an diesem Tag zurückkehren würde. Und tatsächlich traf der Seher von Erl, der  mit der Suppe Richtung Neuwied ging, im Irlicher Feld auf den Fuhrmann. Pütz war vollkommen erstaunt. Johann Pitter sagte ihm, er habe in den Gestirnen die Rückkehr des Fuhrmanns gesehen.

Pütz zeichnete noch eine weitere Begebenheit auf. So habe er bei herrlichem Wetter eine Ladung Wein an den Niederrhein bringen sollen. Johann Pitter kam zu ihm und sagte: „Pütz fahre nicht los, du wirst mit Pferd und Wagen verunglücken. Du wirst wegen Hochwasser nicht durch die Furt an der Sieg kommen“. Der Fuhrmann lachte ob des herrlichen Wetters und fuhr von Linz ab.

Mittlerweile waren im Siegerland aber Wolkenbrüche niedergegangen und die Sieg unpassierbar. Der Linzer musste Pferd und Wagenladung drei Tage am Siegufer warten, ehe er durch den Fluss konnte. Und auch das erst, als drei Pferde vor den Wagen gespannt waren und der Fuhrmann selbst auf dem höchsten Fass Platz genommen hatte. Nur Dank einer vorgespannten Stute, die um ihr eigenes Leben als Muttertier kämpfte, gelangte die Fuhre zum anderen Ufer, sie wäre nahezu umgestürzt. Von diesem Tage an behandelte Fuhrmann Pütz den Seher Knopps Pitter stets mit hohem Respekt.

Weissagungen in sechs Bänden

Der Linzer Verlag Krumscheid veröffentliche 1859 die Prophezeiungen des „Hellsehers“ von Erl erstmals in sechs schmalen Büchern Seine Weissagungen oder wie es auch heißt, das „zweite Gesicht“ waren so detailliert, dass sich selbst der Ohlenberger Pfarrer Thomas Frömbgen genötigt sah, einzuschreiten. Frömbgen wetterte in seinen Predigten gegen den „Lügner und Betrüger“ von Obererl, erreichte aber nur das Gegenteil. Nun erst recht gingen die Rheinländer zum „Seher von Erl“, schenkten dem Mitbürger mehr Aufmerksamkeit als ihrem Geistlichen.

Pfarrer Frömbgen aber wollte nicht zulassen, dass die Menschen im Rheintal zu einem Mitbürger pilgerten und um Rat suchten. Frömbgen versuchte alles in seiner Macht stehende zu tun, um die Vorhersagen des Erler Hellsehers Johann Peter Knopp als Lügen ad absurdum zu führen. Denn sonst hätte der Knecht ja durchaus „göttliche Tugenden“ gehabt, denn nur der „Herr im Himmel“ konnte um das Schicksal der Erdenbewohner wissen.

Knopp prophezeite um 1770 die Aufhebung der nahe Kasbach-Ohlenberg liegenden Klöster Heisterbach, Ehrenstein und St. Katharinen, obwohl die Französische Revolution erst 1789 begann und erst in den Kriegen nach 1800 der Kirchen- und Klosterbesitz verstaatlicht wurde. Knopp sagte laut damaliger Aufzeichnungen. „Es kommt die Zeit, da die Herren vertrieben und alle ihre Güter verkauft werden!“

Äbtissin Walburga Queng, Vorsteherin des St. Katharinener Zisterzienserinnen-Klosters ließ daher den Bauern Johann Pitter Knopp nach St. Katharinen rufen. Die Zisterzienserinnen waren mit einem über 122 Morgen umfassenden Bauernhof in Erl reich begütert. Sie stellten den Bauern zur Rede, Knopp aber entgegnete, Queng sei die letzte Äbtissin des Klosters, es werde die Zeit kommen, dass der Gute beim Strafgericht Gottes mit dem Bösen gemeinsam leiden müsse. Und er sagte, „man wird Euch unbarmherzig von hier wegweisen. Ihr müsst noch durch die Kirchentür eilen, während ich doch meinen geraden Weg gehe.“

Und tatsächlich: Nachdem Knopp 1794 verstorben war, mussten die St. Katharinener Nonnen am 25. Juli 1803 das Kloster verlassen. Das Kloster wurde säkularisiert und verkauft. Die Äbtissin, die Pröbstin und weitere Nonnen fanden eine Notunterkunft in Linz im St. Katharinenhof.

Das Gerücht über die Klosteraufhebungen drang auch nach Heisterbach und nach Ehrenstein. Der Abt von Heisterbach ließ  Pitter ins Gästehaus des Klosters, den Heisterbacher Hof am Königswinterer Rheinufer rufen. Das Gästehaus war neu entstanden und 1767 fertig geworden. Seitdem wohnten die Äbte dort mit ihrer Dienerschaft.

Knopp hatte trotz der prunkvollen Umgebung den Mut, seine Sicht zu sagen. Als er Abt Andreas Kruchen zusätzlich ins Gesicht sagte, dass er der letzte Abt des Klosters sein würde und die Güter der Abtei alle verkauft würden, warf ihn der Abt hohnlachend aus dem Haus. Kruchen war zwar formal nicht der letzte Abt, aber dennoch der letzte Klostervorsteher, der noch in aller Pracht agierte. Tatsächlich wurde 1796 noch mal mit Edmond Verhoven ein neuer Abt des hoch verschuldeten Klosters bestätigt, aber er durfte nur noch den Verkauf der Abtei abwickeln.

Auch eine Weissagung kurz vor seinem Tod traf ein. Knopp sagte voraus, dass man ihn mit einem mit Schimmeln bespannten Galawagen abholen wolle, aber dann werde er diesem Leben entrückt sein. Der Ruf seiner Sehergabe war bis zum Hofe der österreichischen Monarchie“ gedrungen. Zwei Tage nach seinem Tod, einen Tag vor seiner Beerdigung, kam in Kripp die besagte Gala-Kutsche an. Als die österreichischen Kundschafter vom Tod des Sehers hörten, fuhren sie unverrichteter Dinge wieder heim.

 

 

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