Massenets revolutionäre tragische Romanze

122 Jahre nach der Uraufführung, feierte am 18. Februar die neue Produktion von Jules Massenets „Werther“ an der Metropolitan Opera New York Premiere. Am 15. März wird das „Drame lyrique“ ab 18 Uhr via Satellit und in Full-HD-Qualität live aus dem weltberühmten Opernhaus ins Cine 5 übertragen. Die musikalische Leitung obliegt dem aufstrebenden Dirigenten Alain Altinoglu; in der Rolle des Werther ist Star-Tenor Jonas Kaufmann zu sehen und zu hören. An seiner Seite singt Sophie Koch die Charlotte.

Werther

Von Goethe inspiriert, aber doch ein eigenständiges Werk: Sophie Koch und Jonas Kaufmann in Altinoglus Neuinterpretation von Massenets tragischer Oper.
Bild: MET/Ken Howard

Auch wenn sich Massenet von Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ inspirieren lässt, sein Werk als vertonten Roman aufzufassen, wäre ohne rechten Takt. Denn sein „Werther“ ist durch und durch eine eigenständige Oper, die sich eher an den deutschen als an den französischen Ausprägungen des musikalischen Theaters orientiert. Massenet hatte sie durchkomponiert, den Orchestersatz so verdichtet und mit den Singstimmen verwebt, dass er viel mehr als nur eine Begleitung darstellt. Das Libretto schrieben Édouard Blau, Paul Milliet und Georges Hartmann.

Berauschende Klänge, tragische Duette

Trotz des deutschen Stoffes war die Uraufführung am 16. Februar 1892 in Wien jedoch kein Erfolg und das Werk wurde erst im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts populär. Seither allerdings gehört sie auch hierzulande zu den Favoriten des Opernpublikums, auch weil die beiden Hauptpartien, deren groß angelegte Duette im Zentrum jedes der vier Akte stehen, eine ideale Grundlage für die Präsentation außergewöhnlicher Stimmen bilden.

Und die gehören in der neuen, von Richard Eyre produzierten Met-Aufführung dem  deutschen Tenor Jonas Kaufmann und der französischen Mezzo-Sopranistin Sophie Koch, die als unglückliches Liebespaar in den tragischen Duett-Szenen inmitten eines berauschenden Klangmeers Fachwelt und Publikum überzeugen.

Traum, Ekstase, Glück! – Auf der Suche nach extremen Empfindungen flüchtet sich der Titelheld in poetische Traumwelten. Zum Fixpunkt all seiner Sehnsüchte wird Charlotte, die Tochter eines verwitweten Amtmanns, in der er gleichzeitig einen Engel, eine Jungfrau und Mutter sieht.

Er lernt sie kennen, als der Amtmann mit seinen noch minderjährigen Kindern im Hochsommer Weihnachtslieder probt. Und Werthers Herz für Charlotte ist sofort entflammt, als er die Liebe sieht, die die Kinder ihrer großen Schwester entgegenbringen. Doch Charlotte fehlt die Kraft, gegen die Enge des bürgerlichen Alltags anzukämpfen. Sie heiratet Albert, dem sie seit Langem versprochen ist, und unterdrückt ihre Gefühle – bis Werther im Freitod alle Grenzen zu sprengen versucht.

In Massenets herzzerreißender Oper geht es nicht ausschließlich um die Leiden des jungen Werther. Gegenüber Goethes Vorlage gewinnen Charlotte, Albert und Sophie als eigenständige Figuren an Plastizität und Tiefe, rücken auch diese Lebenstragödien ins Blickfeld.

Die Macht der Musik

Und während Goethe den Einfluss der Dichtung auf das Leben in den Vordergrund stellt, ist Massenets Adaption eine Komposition über die Macht der Musik: Werther und Charlotte finden tanzend zusammen, bewegen sich im Walzerrhythmus in eine wirklichkeitsferne Liebe. Höhepunkt der Oper ist zweifellos die berühmte Arie „Pourquoi me réveiller, ô souffle du printemps? – Warum weckst du mich, du Frühlingshauch?“

 

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