Marken des Alltags: Ohropax

 

Mit Ohropax im Ohr „kommt Dir Lärm wie Stille vor“

In vielen Fällen wirken Werbeslogans aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts heute kitschig und zudem oftmals auch „an den Haaren herbeigezogen“ – vor allem ihrer holprigen Reime wegen. Dieser hier – aus dem Jahre 1928 – gehört allerdings zu jenen Exemplaren, die einem „gut über die Zunge“ und im Wortsinn „gut ins Ohr“ gehen.

Ohropax- Werbung aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Der Apotheker Maximilian Negwer gründete 1907 in Berlin-Schöneberg die „Fabrik pharmazeutischer und kosmetischer Spezialitäten Max Negwer“. Das wichtigste Produkt seines Sortiments – Ohrstöpsel aus Paraffinwachs – taufte er Ohropax. Das deutsch-lateinische Kunstwort steht für den „Ohr-Frieden“, den das Produkt seither verschafft.

Bereits vier Jahre zuvor war der Entrepreneur auf die Wachskugeln in der antiken Odysseus-Sage gestoßen, mit denen dieser seiner Bootsmannschaft die Ohren verschlossen hatte, um sich nicht vom tödlich wirkenden Gesang der Sirenen betören zu lassen.

Im Ersten Weltkrieg sorgte Ohropax dafür, dass die Soldaten „gegen die Schallwirkung des Kanonendonners“ geschützt waren, wie es in der damaligen Werbung formuliert wurde. Nach Kriegsende entwickelte sich das Produkt mehr und mehr zum Massenartikel.

Blechdose aus den 1960er Jahren
Bilder: Hersteller

Die endgültige Markt­eroberung gelang im Jahre 1928: Ein überdimensionales Ohrmodell sorgte als Werbe-Dekoration in den Apotheken für große Aufmerksamkeit. Zudem wurden Anzeigen in Zeitungen und Magazinen geschaltet, wodurch sich Ohropax als bekannteste Marke für Gehörschutz etablierte. Nicht nur in Deutschland: Auch in 42 Exportländern war sie fortan überaus erfolgreich.

Nach Negwers Tod im Jahre 1943 übernahm seine Frau die Geschäftsleitung und lenkte das Unternehmen durch schwierige Zeiten. In der Endphase des Zweiten Weltkriegs musste die Produktion allerdings wegen Rohstoffknappheit vorübergehend eingestellt werden.

Die bereits seit 1924 in Potsdam ansässige Firma bekam die Folgen der Teilung Deutschlands deutlich zu spüren: Nach der Verstaatlichung wurde das dortige Ohropax-Werk von einem Volkseigenen Betrieb (VEB) übernommen. Daraufhin siedelte das Familienunternehmen in den Westen über und nahm unter Leitung des Gründersohnes 1958 die Produktion in Bad Homburg auf.

Vom nachhaltigen Wirtschaftsaufschwung profitierte in den folgenden Jahrzehnten auch das unscheinbare Produkt Ohropax. 1974 entstand das neue Markenlogo, das die Verpackung für die nächsten Jahre zierte. Diese war zu diesem Zeitpunkt noch nicht von Pappe, sondern aus Blech.

In der Homburger Nachbarstadt Wehrheim bezog das Unternehmen 1991 ein neues Betriebsgebäude. Michael Negwer, ein Enkel des Firmengründers, übernahm nun die Geschäftsführung. Und jetzt erst ersetzten moderne Produktions- und Verpackungsanlagen die bis dahin noch immer gepflegte Handarbeit. In den Folgejahren wurde das Sortiment um die Schaumstoffstöpsel „Soft“ und „Color“ sowie den Kunststoffstöpsel „Multi“ ergänzt.

Nachdem das Unternehmen 2007 sein 100-jähriges Bestehen feiern konnte, wurden ab 2011 ein größeres Betriebsgebäude bezogen und neue Produkte, wie eine hochwertige Schlafmaske sowie Silikon-Ohrstöpsel, vorgestellt. 2017 kamen Lamellenstöpsel für die Verwendung beim Fliegen und beim Musikhören ins Sortiment.

Die Wachskugeln, von denen jährlich über 30 Millionen Stück hergestellt werden, sind aber weiterhin eines der Hauptprodukte des Marktführers im Bereich Geräuschschutz-Ohrstöpsel für Endkonsumenten. (cm)

 

 

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