„Nimm die Waffe runter!“

Es stand auf des Messers Schneide, ob der junge Oberdollendorfer Winzersohn Josef Hermes1 oder der in unmittelbarer Nachbarschaft wohnende Jagdaufseher Franz Rösen an diesem frühen Sonntagmorgen unversehrt und mit heiler Haut von ihrem Zusammentreffen auf der Dollendorfer Hard zurückkehren würden. Bei eisiger Kälte standen sie sich gegenüber, legten ihre Gewehren aufeinander an, zielten, blickten sich starr in die Augen und waren bereit, sofort abzudrücken. Minutenlang standen sie sich so gegenüber, bis ausgerechnet der junge Heißsporn Hermes den rettenden Einfall hatte, die Situation zu deeskalieren.

Von Hermann-Joseph Löhr

Karl Schumacher

Ein Sühnekreuz erinnert an das glimpflich verlaufene Duell zwischen Jungwinzer und Jagdaufseher. Heimatkundler Karl Schumacher kennt den Tatort seit Kindesbeinen.
Bild: H.- J. Löhr

Die Wilderei war zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Ortschaften Oberdollendorf und Römlinghoven eine beliebte Freizeitbeschäftigung. Der Jagdfrevel galt sogar bei der Dorfbevölkerung als Kavaliersdelikt. Die Oberdollendorfer waren zwar fromm und fast ausschließlich katholisch. Aber sie waren sich einig, dass Wilderei noch nicht mal ein Vergehen war, das man beichten müsste.

Dies galt insbesondere, da viele Weinberge, Weiden und Wälder auf der Dollendorfer Hard aus dem Besitz der ehemaligen Abtei Heisterbach stammten. Und gar wie viele ungezählte Schweißtropfen hatten die Vorfahren der Dorfbewohner von Dollendorf darin für die Mönche schwitzen müssen. Nichtsdestotrotz beschäftigte die Bürgermeisterei Oberkassel aber einen Feldschütz oder Jagdaufseher, der darüber zu wachen hatte, dass kein Bürger wilderte. Dem Oberdollendorfer „Jröhn“ Rösen war von der Amtsverwaltung diese amtliche Polizeiaufgabe übertragen worden – und dieser stand bald an einem Sonntagmorgen im Jahr 1905 dem jungen Winzer Hermes gegenüber.

Hermes war früh aus der Kirchbitzgasse ohne Waffe und daher scheinbar harmlos zu „seinem“ Jagdrevier augebrochen Auf der Dollendorfer Hard  galt es, das Essen der elterlichen Familie zu ergänzen. Es hatte in der Nacht den ersten Schnee gegeben, das Rehwild würde sicher Nahrung in den Weinbergen suchen, sich an die Triebe heranmachen, war doch der Boden mit Schnee bedeckt.

Jagdaufseher schöpft Verdacht

Des Winzers Weg zur „Hülle“, dem Oberdollendorfer Hausberg führte an der Kirche vorbei. Jeder, der ihn sah, mochte denken, er ging zur Frühmesse. Die Waffe hatte er wie immer in einem Heuschober auf der „Hülle“ versteckt. Die Flinte nahm er dort stets nur aus dem Versteck, wenn er sich zuvor vergewissert hatte, dass ihn keiner beobachtete und ihm keiner gefolgt war.

Nun allerdings stößt jedoch die schmale Kirchbitzgasse genau gegenüber der Hausnummer Nr. 129 auf die breite Heisterbacher Straße. Und hier wohnte ausgerechnet Jagdaufseher Rösen. Der beobachte auch den Neuschnee, aber mit einem völlig anderen Motiv. Rösen verbarg sich hinter den Gardinen und sah, wer sich so alles von seinen Nachbarn den Weg zur Kirche machte. Und er sah auch den jungen Winzersohn aus der Kirchbitzgasse, wie er abbog Richtung Dollendorfer Hülle. Da Rösen den jungen Winzer schon seit einiger Zeit “auf dem Kieker“ hatte, wartete er noch eine kleine Weile, ehe er dem Winzersohn folgte. Rösen wollte ihn dieses Mal genau im Auge behalten, mit dem Ziel, ein Fehlverhalten festzustellen. Und er wollte den Wilderer in flagranti erwischen.

Der Winzer hinterließ, ohne dass er sich wohl dessen bewusst war, eine unübersehbare Fußspur im frischen Schnee. Vorsichtig beobachte er, am Heuschober angekommen das Umfeld, bevor er die Waffe an sich nahm und die Pirsch begann. Auf der Waldlichtung nicht weit von ihm entfernt standen einige Rehe und scharrten mit den Vorderläufen. Von Jagdlust erfasst, schoss der Winzer ein Reh. Der scharfe Knall war weithin zu hören. Nach gewohnter Weise verharrte der Winzer zunächst noch eine Weile an seinem Versteck, aus dem er geschossen hatte. Dann näherte er sich vorsichtig seiner Beute und brach das Reh sachgerecht auf. Kaum hatte er die inneren Organe zur Seite gelegt, bemerkte er einen Schatten über sich.

Jagdaufseher Rösen war zuvor behutsam den einsamen Spuren im Oberdollendorfer Morgenschnee gefolgt. Es kam wie es kommen mußte. Rösen ertappte nach seiner listigen Pirsch den jungen Mann auf frischer Tat. Die Jagdflinte im Anschlag forderte Rösen den jungen Nachbarn auf, das Jagdgewehr auf den Boden zu legen. Der junge Heißsporn riss aber seine eigne Waffe hoch und richtete sie von unten auf Jagdaufseher Grön. Es entstand die eingangs beschriebene bedrohliche Situation für beide.

Nach einer Weile rief Hermes dem Jagdaufseher, der mit Spitznamen „de Jröhn“ hieß, zu: „Jröhn, schwöre mir, dass du mich nicht zur Anzeige bringst?“ Jagdaufseher Grön spiegelte sich blitzschnell den verwegenen Vorschlag des Jungwinzers. Keine Anzeige zu erstatten wäre ein unerlaubter Verstoß gegen seine Dienstvorschriften. Allerdings, würde er abdrücken und den jungen Nachbarn erschießen, dann könnte er zwar dreimal aus Notwehr gehandelt haben und tausendmal im Recht sein, aber in seinem hübschen Haus in Oberdollendorf hätte er sich nie mehr blicken lassen können.

Dem Winzersohn war indes klar: Würde er die Amtsperson niederstrecken, dann würde er als Mörder angeklagt. Und mit einem Mörder machte die preußische Justiz kurzen Prozess. Zumal damals noch die Todesstrafe in Deutschland galt und für Mörder üblich war.

Letzten Endes ging Rösen schweren Herzens auf des Jungwinzers Vorschlag ein. Sein Beamtengewissen tobte, aber er schwor bei Gott, den Winzer nicht vor Gericht zu bringen. Der junge Mann warf daraufhin sein Gewehr weg und rannte davon. In aller Eile raffte er Zuhause sein erspartes Geld zusammen, verabschiedete sich von Eltern und Geschwistern und tauchte unter. Er blieb fortan zwanzig Jahre verschollen. Der Jagdaufseher aber hielt tatsächlich sein am Tatort gegebenes Wort und verlor 20 Jahre lang nie ein Sterbenswort darüber.

Brief aus Amerika

1925 erhielt ein Freund des Winzersohns überraschend Post aus Amerika. In einem Brief schilderte Hermes seinem Freund die Geschichte, so wie sie sich aus seiner Sicht zugetragen hatte. Er hatte schreckliches Heimweh. Er schrieb, er sei inzwischen verheiratet und habe eine Familie gegründet. Auch war er Bürger der USA geworden. Im gleichen Brief schickte er dem früheren Freund Geld und bat ihn, dafür zu sorgen, daß an der besagten Stelle an der Dollendorfer Hülle, an der er beinahe zu Tode gekommen oder zum Mörder geworden wäre, ein Gedenkkreuz errichtet würde.

Der Oberdollendorfer Freund ließ das Kreuz anfertigen und am angegebenen Ort errichten. Es war keine sonderlich kunstvolle Steinmetzarbeit. Dafür reichten die mitgeschickten Dollar nicht. So fertigten Schmied und Steinmetz ein einfaches und schlichtes Kreuz, das schmale Unterteil aus Stenzelberger Latit und daran ein eisernes Kreuz angenietet. Das kleine Denkmal wird flankiert von zwei Birken.

Der in die USA ausgewanderte Wilderer entband in einem weiteren Brief den noch lebenden Jagdaufseher Nöck Rösen von seinem früheren Schwur. So wurde die 1905 zugetragene Kriminalgeschichte bald Tagesgespräch in Oberdollendorf und Umgebung. Nachdem das Gedenkkreuz Mitte der 1920er Jahren aufgestellt worden war, wurde öfters beobachtet, wie der ehemalige Jagdaufseher, nun ein alter Mann, lange und nachdenklich vor dem Kreuz verharrte.

 

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