Soldatenseele findet keinen Frieden

Am 29. Mai 1919 geschah in dem kleinen Weiler unterhalb der Ortes Kurtscheid ein bis heute weder gesühnter noch aufgeklärter Mord. Die Seele eines ehemaligen deutsch-elsässischen Ersten Weltkriegssoldaten findet  deshalb noch immer keine Ruhe. Seherin und Heilerin Mandy Protze-Kälberer sagt: „Der Elsässer würde gerne etwas mit Peter Wittlich vom Hegerhof klären. Er wartet dort vergeblich auf ihn. Die Seele muss vom Irrtum der Schuld erlöst werden!“ Was war tatsächlich geschehen?

Von Hermann-Joseph Löhr

Tatort rheinischer Westerwald Besatzungssoldaten

US-amerikanische Besatzungssoldaten 1919, im Hintergrund die Neuerburg

Mitte Dezember 1918 begann die Stationierung der US-Armee zur Überwachung des Waffenstillstands von Versailles. Die Amerikaner besetzten beiderseits des Rheins eine Zone. Mit dem Zirkel wurde auf der Karte ein Radius rund um Koblenz von 30 Kilometern geschlagen. Diese Zone reichte bis zur Wied. So wurde Ende 1918 das Wiedtal über Niederbreitbach bis hin nach Roßbach amerikanisch besetzt.

Alljährlich feiert die US-Armee Ende Mai den „Memorial Day“. Dieser geht auf den Amerikanischen Bürgerkrieg zurück. 1868 erklärte General John A. Logan den 30. Mai zum Feiertag. Ursprünglich wurde an diesem Tag der toten Soldaten in diesem Krieg gedacht, nach dem Ersten Weltkrieg wurde dies auf alle amerikanischen Kriegsgefallenen ausgedehnt. Die Soldaten dürfen sich nach Herzenslust austoben und auch über die Stränge schlagen.

So geschah es auch 1919 im Wiedtal. Die Nacht vom 29. auf den 30.Mai galt für die amerikanischen Besatzungssoldaten, die in Waldbreitbach einquartiert waren, als „straffrei.“. Ein US-Soldat der Waldbreitbacher Garnison, tötete in dieser Nacht den im Ort als „Bembs-Pitter“ bekannten Peter Wittlich kaltblütig mit einem Schuss aus seiner Pistole. Lehrer Martin Eul lieferte 1935 gar eine Personen-Beschreibung, aber da war die US-Besatzungsarmee von 1919 längst Vergangenheit.

Warum wurde Peter Wittlich erschossen?

Volksschulrektor Martin Eul, 1894 in Kurtscheid geboren und als Jugendlicher oft zu Gast bei „Bembs Pitter“ schrieb 1935, er sei sich sicher, dass es sich 1919 um einen Racheakt von US-Soldaten gehandelt habe. Eul berichtet: „In einer stockdunklen Nacht im Januar 1919 klopft es an „Pitters“ Fenster im Hegerhof. Mit französischem Akzent ruft laut eine Stimme: „Pitter wach auf, steh auf, ich bin der Elsässer, man ist hinter mir her, bringe mich rasch in unbesetztes deutsches Gebiet!“

Nicht amerikanisch besetztes Gebiet begann in nordöstlicher Richtung etwa bei Neustadt/Wied. Pitter erkannte den nächtlichen Störer sofort wieder. Es war ein befreundeter, im Elsass geborener deutscher Soldat. Er hatte während des Ersten Weltkriegs als Soldat Erholungsurlaube in Kurtscheid bei Angehörigen eines Kameraden verbracht und war oft auf dem Hegerhof zu Gast. Daher kannten sich der Elsässer und der Hegerhof-Pitter gut. Pitter brachte in der Januarnacht den „Elsässer“ in Sicherheit und führte ihn zum unbesetzten Teil des Rheinischen Westerwalds.

Was genau der „Elsässer“ im Januar 1919 im Wiedtal tat und warum die US-Soldaten hinter ihm waren, wurde 1919 vom Asbacher Amtsgericht nicht aufgeklärt. Aus anderen Quellen ist bekannt, dass damals im Wiedtal ein reger und gewinnbringender Schleichhandel seitens der US-Armee mit Heeresware stattfand.

Seherin Mandy Protze-Kälberer geht davon aus, dass der Elsässer den Diebstahl der US-Soldaten gesehen hatte und deshalb als unliebsamer Zeuge verfolgt wurde. Und tatsächlich, am Morgen nach der Flucht des Elsässers kamen uniformierte farbige US-Soldaten zum Hegerhof. und suchten, so beschrieb es Rektor Eul 1935, „nach dem Deutsch-Franzosen. Sie fanden aber nur den Heger-Pitter vor.“

Der bestand darauf, die ganze Nacht allein gewesen zu sein und fest geschlafen zu haben. Die amerikanischen Häscher zogen zwar unverrichteter Dinge wieder ab, merkten sich aber den Vorfall bis zum „Memorial Day“.

Vier Monate später, in der Nacht vom 29. auf den 30. Mai kamen die US-Soldaten erneut zum Hegerhof. Bild Heger PitterSie zerrten „Bembs Pitter“ aus dem Schlaf und aus dem Haus heraus. Sie sagten ihm nicht, was sie vorhatten, wohin sie ihn bringen würden. Die Gruppe kam am Hause von Nachbar Anton vorbei. Rasch wollte Pitter diesem mitteilen, was los wäre, aber dazu kam er nicht mehr. Ein Soldat hielt dem Pitter hohnlachend den Revolverlauf an die Stirn. Ein heller Knall ertönte und Peter Wittlich fiel tödlich getroffen zu Boden.

Die Soldaten packten den Pitter auf ein dickes Brett, eine „Dill“ wie der Volksmund sagt und schleppten den mittelgroßen Niederbreitbacher ein Stück die Bergstraße hinab, wo sie ihn liegen ließen. Am nächsten Morgen beorderte ein US-Sergeant unter Waffengewalt ein deutsches Auto aus Wolfenacker zum Hegerhof. Der deutsche Fahrer wurde vom Sergeant mit vorgehaltener Waffe bedroht. Deutsche Männer mussten den Leichnam des Pitter ins Auto hieven. Der Wagen fuhr den Toten zum Kloster in Hausen.

Peter Wittlich wurde beigesetzt auf dem Klosterfriedhof der Franziskanermönche von Hausen. Sein Grab erhielt ein einfaches Holzkreuz. Im Totenbuch des Klosters wurde unter dem Datum 30. Mai 1919 eingetragen: „Peter Wittlich, 46 Jahre alt, erschossen von den Amerikanern“.

 

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