Interview mit Pastor Lothar Anhalt


„Stille aushalten, das muss eingeübt werden“

Gleich eine ganze Reihe von „stillen“ Feiertagen sorgt dafür, dass der November als „stiller Monat“ gilt. Die RWN-Redaktion wollte es genauer wissen, befragte den Seelsorger der Pfarreiengemeinschaft Linz, Pastor Lothar Anhalt, nach seiner Einschätzung zum Thema Stille.

Pastor Lothar Anhalt aus Linz fand im RWN-Interview zum Thema „Stille“ erstaunlich viele Worte.
Bild: privat

Herr Anhalt, ist Stille in unserer hektischen Zeit überhaupt noch ein Thema?

Lothar Anhalt: Ja, ich glaube schon, dass die Menschen in dieser lauten Welt die Sehnsucht nach Ruheorten haben. Nach Orten, wo sie sich noch einmal neu sortieren, neu ordnen können. Nicht umsonst erleben ja die Klöster seit einiger Zeit wahnsinnig viel Zulauf. In dieser hektischen Welt glaube ich, ist es ungeheuer wichtig, sich zurückzunehmen, still zu werden. Der November ist nun mal die stillere Zeit. In früheren Generationen war ja zu dieser Zeit draußen nichts mehr zu machen. Dann kam die Vorbereitungszeit auf Weihnachten. Die Adventszeit war doch auch eine stille Zeit. Aber das ist heute komplett pervertiert. Da gilt es Kontrapunkte zu setzen, einmal nur im Wohnzimmer zu sitzen ohne Computer, ohne Fernsehen – einfach nur vor der Kerze zu sitzen.

 

Sind wir denn überhaupt noch dazu fähig, Stille zu genießen?

Anhalt: Stille aushalten, das muss eingeübt werden. Da kann ich nicht einfach einen Schalter umlegen. Das erlebe ich auch in unseren Gottesdiensten. Wenn ich manchmal vielleicht über Gebühr lange Stille halte, dann scharren sie mit den Füßen, husten und denken, ich weiß wohl nicht mehr weiter. Aber es ist doch klar, wir brauchen alle auch die Ruhe. Denken Sie doch nur mal an die Nachtruhe. An all das, was wir in der Nacht in den Träumen abgeben können. Wir würden doch alle verrückt werden, wenn es das nicht geben würde.

 

RWN: Kann es sein, dass wir alle inzwischen Stille in diesem Sinne überhaupt nicht mehr gewohnt sind?

Anhalt: Klar doch. Schauen Sie sich nur mal um. Da sehen Sie die Leute auf dem Rad – und die Dinger auf dem Kopf. Waldspaziergänger – die Dinger auf dem Kopf. Oder fahren Sie mal mit dem Zug. Da hat jeder was auf den Ohren. Ja sogar beim Spaziergang durch die Natur sehe ich immer wieder Menschen mit Kopfhörern. Einfach mal der Natur zu lauschen, wir haben es wirklich verlernt.

 

RWN: Sie sprachen aber auch von der Sehnsucht der Menschen nach innerer Einkehr. Kommt das Schätzen der Ruhe vielleicht wieder? Werden wir, werden auch die jungen Leute die Stille neu entdecken?

Anhalt: Grundsätzlich gilt ja, dass man den Wert der Stille erst selbst erfahren haben muss. Aber es gibt eben doch den Trend. Beispielsweise Kloster Ehrenstein. Das ist ja meine Heimatpfarrei, da komme ich gebürtig her und stehe daher noch immer im guten Kontakt. Die können gar nicht die alle aufnehmen, die an der Tür klopfen und sagen, ich möchte mal eine Auszeit. Da hört man nur den Mehrbach rauschen und sonst nichts. Man ist da unwillkürlich mit sich selber konfrontiert. Das aushalten, das geht auch nur, wenn man eine gute Begleitung hat. Denn da kommt alles hoch. Das muss man teilen können, auch nach oben geben können.

 

RWN: Demnach ist Stille gar nichts Schlimmes, hat für den Menschen vielleicht sogar besonderen Wert?

Anhalt: Wie oft befällt uns so etwas wie die innere Unruhe. Aber das muss ich erst wahrnehmen, der muss ich mich auch mal stellen. Zunächst nehme ich die häufig gar nicht wahr, wenn ich von außen permanent unter Druck bin, beschallt werde oder immer wieder gefordert werde. Die innere Unruhe nehme ich nur wahr, wenn ich mir einen Raum schaffe, wo sonst nichts ist. Beispielsweise in der Kirche. Einfach mal still werden, gucken, was da im Inneren kommt. Das ist das Schöne in unserer Kirche, in unserer Religion, im christlichen Glauben. Dass ich das dann abgeben kann.

 

RWN: Wer kann, wer muss also etwas daran tun, damit wir alle wieder mehr zur Ruhe kommen?

Anhalt: Da kann ich keine Institution oder Regierung für verantwortlich machen. Das kann man nur selbst ändern. Man muss sich Räume schaffen, wo der Stress draußen bleibt. Mir sagen immer wieder Mitmenschen, dass sie auch aus diesem Grunde gerne in den Gottesdienst kommen. In der Stunde will keiner was von mir, keiner ruft an, das Handy ist auch mal still. Das ist eine Zeit nur für mich – und für Gott. Das Angebot der Kirche steht, annehmen muss ich es. Ich beobachte aber auch in der Woche immer wieder, wie Menschen die Kirchen besuchen. Wanderer machen hier Rast, zünden Kerzen an, kommen einen Augenblick wohl wirklich zur Ruhe. Übrigens: In diesem Zusammenhang bin ich ein absoluter Verfechter von offenen Kirchen. (fu)

 

 

 

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